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  Kammerorchester Basel 19.01.2007 
Bild n/1085 Paul Goodwin
© Hans Hordijk
Fakten zu Georg Friedrich Händel's »Riccardo Primo«

Hans-Georg Hofmann: Die 2. konzertante Händel-Oper nach dem Lotario - was für ein Held erwartet uns diesmal?

Paul Goddwin: Die Helden in Händel`s Opern sind alle komplexe und widersprüchliche Charaktere. Riccardo Primo bildet da keine Ausnahme.
Da haben wir auf der einen Seite den klassischen Helden, dargestellt als gefürchteten Krieger, starken und gerechten Herrscher, charismatische Persönlichkeit und klugen Politiker, treu, ehrlich, ein Frauenschwarm.
Auf der anderen Seite, obwohl Constanza treu, ist Riccardo hingerissen von Pulcheria, geradezu begierig nach ihr. Er wirkt fast blutrünstig in seinem Wunsch all die Truppen niederzumetzeln, die sich ihm in den Weg stellen. Sein Auftritt als sein eigener Gesandter am Hof des Isacio scheint hinterhältig und berechnend - (ein Zusatz den Händel in seiner überarbeiteten Fassung macht, um die neue Version zu unterstreichen). Beide Herrscher, Riccardo als auch Isacio, sind bereit, alles für die Liebe von Constanza zu opfern.
Es gab durchaus Kritik, dass diese Version einen prunkvollen Riccardo zeigt, untermauert durch einen Text, der ihm zu ehrfürchtig und unterwürfig begegnet. Meiner Meinung nach vergisst man dabei jedoch die Tatsache, dass Händel genau durch diese Darstellung alle Schwächen von Macht, insbesondere Eitelkeit und Arroganz, entlarvt.
In der Tat sind die Charaktere in Riccardo Primo nicht, was sie zu sein scheinen, mit Ausnahme der ewig treuen Constanza. Sie jedoch findet ihr Gegengewicht in der launischen und wechselhaften Pulcheria, die voller Leidenschaft und Wut stets von einer in die andere Richtung pendelt. Sie ist so ganz die Tochter ihres Vaters, deutlich erkennbar in ihren Arien mit den gebrochenen Sätzen und wilden Kolloraturen.
Eines der entscheidenden Elemente dieser Oper ist die musikalische Balance zwischen den drei tragenden Rollen: Riccardo, Constanza und Pulcheria. Händel hatte zwei Diven als Sopranistinnen in seinem Ensemble: Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni, Rivalinnen auf und hinter der Bühne, deren Anhänger die Vorstellungen mit Buhrufen und Lärmen begleiteten. Somit war es erforderlich, dass Händel für jede Sopranistin die gleiche Anzahl an Arien komponierte um diese dann noch mal für den bekannten Kastraten Senesino in der Rolle des Riccardo anzupassen. Geschickt nutze Händel all diese Elemente um Spannungen in der Handlung zu erzeugen, die die tatsächlich bestehenden Spannungen wiederspiegelten.

Die Handlung spielt in Limisso/ Limassol zu einer Zeit als Richard I. = Richard Löwenherz gerade das byzantische Reich erobert. Vor kurzem sind englische Truppen in Limisso gelandet um den Krieg zwischen Libanon und Israel zu schlichten. Geschichte und Gegenwart liegen sehr eng beieinander?

Ich denke, der Rahmen der Oper ist so gewählt, dass man diesen einem aktuellen Schauplatz anpassen kann, dem heutigen Mittleren Osten. Händel führt uns die Dummheit einer einfallenden Streitkraft vor Augen, zwar ausgestattet mit erheblichen Kampftechniken, aber auch mit der Arroganz einer Supermacht, dem blinden Vertrauen in ihre Allmacht und der Tendenz zu glauben, dass ihre Gegner weniger wert sind als sie selbst, ihrem totalen Unverständnis für die Sitten und Gebräuche einer anderen Zivilisation, und natürlich, im blinden Glauben an die Überlegenheit ihrer eigenen Religion.
Ich würde nicht zu viele Parallelen zur heutigen Situation im Libanon ziehen, obwohl viele der Probleme in der Region durch das damalige Aufzwingen von Grenzen vom kolonialen Britannien verstärkt wurden. Tatsächlich, erkenne ich jedoch viele Ähnlichkeiten im Irakkrieg.

Die Basler Aufführung wird die erste Aufführung nach der Edition der neuen Halleschen Händelausgabe sein. Was ist das Besondere dieser Ausgabe?

Das Werk der neuen Halleschen Händelausgabe ist von höchster Qualität und unterscheidet erstmals deutlich zwischen den verschiedenen Fassungen von Riccardo Primo, wobei jede Fassung in ihrem architektonischen Ganzen präsentiert wird.
Diese Ausgabe unterscheidet sich beträchtlich von der ersten Gesamtausgabe der Werke Händels von Chrysander (.... Erklärung Chrysander). Dadurch wird eine klarere und farbigere Aufführung sowie eine spezifischere Darstellung der verschiedenen Rollen ermöglicht.

Riccardo Primo gehört zu den Opern, die auf ganz spezielle Klangfarben setzt. Was für Instrumente erwarten uns?

Tatsächlich verwendet Händel eine breite Klangpalette in Riccardo: vom aussergewöhnlichen Einsatz von Geigen, Oboen und Solopauke in der Eingangssturmsequenz bis zu Orontes süssem Liebeslied mit Flauto dolce. Von Orontes zweiter Arie von Tapferkeit und dem Sieg der Liebe, mit zwei Hörnern, bis zu Constanzas tragischer Arie mit der seltenen Flauto traverso Basso, eine Flöte einen Ton tiefer als üblich und somit mit einer speziellen tiefen Klangfarbe. Die hohe Piccolo Flöte in Constanzas "Vogellied-Arie", das Chalumeau (in der ersten Version) zum Ausdruck von Pulcherias Liebe und Leid und natürlich Trompeten und Pauken zur Darstellung der militärischen Grösse. Oboen und Fagotte werden durchweg verwendet, hauptsächlich colla parte mit den Geigen, zeitweise, bspw. so in der Ouvertüre, auch als Holzblasensemble wie man es aus Händels doppelchörigem Concerti kennt.
Instrumentation, kraftvolle Effekte, Architektur und Farbe spielen eine wichtige Rolle in der aussergewöhnlich wirksamen Anfangssequenz der Oper und ich denke es ist lohnenswert, sich das mal im Detail anzuschauen.
Eine der kraftvollsten und einzigartigsten Elemente in Riccardo Primo ist der Übergang von der Ouvertüre - zum Sturm - zum Accompagnato - zur Arie. In vielen seinen Opern schreibt Händel bedächtig, beginnt mit ersten Arien um uns zunächst die Handlung nahe zu bringen und dann den unvermeidbaren dramaturgischen Bogen aufzubauen, der Händels dramatische Form charakterisiert. Hier jedoch finden wir schon zu Beginn unterschiedliche Charaktere, die uns einen Ausblick auf die gesamte Oper geben, wie man es eigentlich erst in späteren Opern vorfindet.
Das 1. Thema ist heroisch und majestätisch mit ihren punktierten Rhythmen und Läufen, einem Oratorium angemessen, gefolgt von einem prägnant ausgebautem Allegro im Anklang an Händels concerti due cori. Die Anfangsszene, die fest in Riccardos Händen liegt, wird durch Händels kräftigen Sturm zerstört (mit Geigen, Oboen und Pauke), der dann in die angstvolle begleiteten Rezitativen von Constanza und Berardo übergeht. Die dann folgende Arie agiert quasi als emotionaler Querschläger, ein Prinzip, dass sich durch die ganze Oper zieht, wie Dominosteine, die ineinander fallen. Zusammen ergibt sich so eine der stärksten Eingangssequenzen aller Händel Opern.

Wie erklärst Du Dir den Händel-Boom der in den letzten Jahren stattgefunden hat?

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die den Händel-Boom begünstigen und Händel somit seinen verdienten Platz in den Herzen der Musikliebhaber Europas eingebracht haben.
Der Klang barocker Instrumentente hebt die wundervollen Feinheiten der Musik Händels hervor, die durch den Einsatz moderner Instrumente verloren gegangen sind. Die fachmännische Interpretation von Händel in Verbindung mit neuen Editionen der musikalischen Texte ermöglichten es, die in seiner Musik enthaltene aussergewöhnliche Dramatik zu zeigen.
Die Erkenntnis, dass Händels Operntexte und Charaktere auch für das heutige Publikum bedeutsam sind und dass viele Produzenten die Händel Libretti sowie seine Musik als aufregende Herausforderung empfinden, äussert sich, erfreulicherweise, in einem gewissen Druck auf die Opernhäuser mindestens eine Händel Oper Produktion pro Jahr auf die Beine zu stellen.
Es ist beruhigend zu wissen, dass wir heute einem sachkundigen Publikum und aufgeklärten Veranstaltern gegenüber stehen, die nicht nur die "TopHits " sondern auch die weniger bekannten, aber ebenso dankenswerten Kleinode aus Händels Schaffen hören möchten, wie beispielsweise. Riccardo Primo.
Hans-Georg Hofmann (Gespräch)
Christine Holborn (Übersetzung)


  Sonstige Informationen

Weitere Informationen zum Kammerorchester Basel hier.




Bild
 Stockholm, Drottnigsholms Slottsteater
© Bengt Wanselius



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