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  František-Xaver-Šalda-Theater 10.04.2007 
Theater der Stadt Liberec (Reichenberg)

Die Geschichte des Gebäudes und der Küntlerensembles

Die Geschichtsschreibung des Reichenberger Theatergebäudes, des heutigen F. X. Šalda Theaters, beginnt kurz nach dem Brand des Tuchmachertheaters am 24. April 1879. Zur Ausarbeitung des Projektes für das neue Theater wurden die Wiener Architekten Ferdinand Fellner (1874 - 1916) und Hermann Helmer (1849 - 1919) berufen, deren Architekturbüro lange Jahre zu den bedeutendsten in Europa gezählt wurde.

Historische Ansicht des Theaters
Sie beschäftigten ein Team von Fachleuten, mit dem sie in enger Zusammenarbeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Theatergebäude in einer Reihe europäischer Städte errichteten. Zu diesen gehören das Stadttheater in Wien (1872), das Volkstheater in Pest (1875), das Stadttheater in Augsburg (1877), das Stadttheater in der Basteigasse in Brünn, das heutige Mahen-Theater (1882), das Stadttheater in Fiume (1885), das Stadttheater in Pressburg - das heutige Slowakische Nationaltheater (1886), das Stadtheater Karlsbad (1886) und das Stadttheater in Odessa (1887), das Neue Deutsche Theater in Prag - das heutige Smetana-Theater (1887), das Volkstheater in Wien (1889), das Stadttheater in Zürich (1891) und weitere. Für diese damals hoch angesehene Firma war eine optimale architektonische Konzeption mit einer für die damalige Zeit sehr progressiven und mit Geschäftsgeist verbundenen Technologie kennzeichnend. Ihre Bauwerke zeichnen sich durch eine erstklassige Durchführung aus, die dem damaligen Geschmack und den ästhetischen Vorstellungen der anspruchsvollen Kunden voll entsprach.
Zu diesen gehörten auch die Ratsherren und Gönner der Stadt Reichenberg, dank derer die Stadt in den Besitz dieses Theatergebäudes kam, das zu den gelungendsten Projekten der Herren Fellner und Helmer gezählt wird.
Im September 1881 wurde der Grundstein zum neuen Theater auf dem Gemeindegrundstück in der Nähe des Rathausplatzes (heute Dr.-Edvard-Beneš-Platz) gesetzt. Das Bauvorhaben wurde von den Reichenberger Baumeistern Sachers und Gärtner durchgeführt. Nach einer nicht allzu langen Zeit, nämlich schon am 29. September 1883, wurde das Stadtheater mit Schillers "Wilhelm Tell" und der Ouverture von Gioacchino Rossini feierlich eröffnet.

Stadttheater heute
Das Theatergebäude, das im Neurenaissancestil erbaut wurde, ist vorteilhaft im Stadtzentrum gelegen und fügt sich mit seinen Proportionen gefühlvoll zwischen die umgebenden Bauten ein. Die Stirnseite wird durch einen reichen Stuckaturschmuck betont und von allegorischen Statuen eingerahmt. In der Eingangssaxiale sind die beiden Statuenhauptgruppen angeordnet; rechts die sitzende Statue, die Kunst, sie hält in der Hand eine Fackel; links ist der sitzende Gott Apollo, umgeben von Genien auf Delphinen aufgestellt. Weiter rechts sind stehende Statuen verschiedener Musen und Göttinnen aufgestellt: Erato, die Muse der Liebesdichtung, Terpsichore, die Muse des Tanzes und Fortuna sowie die Göttin Flora mit Blumen. Diese Sandsteinskulpturen wurden alle nach dem Entwurf des Wiener Bildhauers Bendel vom Wiener Steinmetz Reinhold Völkel ausgeführt. Die Innenarchitektur des Theaters wirkt trotz eines gewissen Strebens nach Monumentalität durch ihre reiche Gliederung und den vertikalen Raumaufbau und ihre Abmessungen sehr intim. Man könnte behaupten, dass sie angenehme Proportionen aufweist. Ein nicht wegzudenkender Teil der Innenatmosphäre ist die skulpturelle und malerische Ausschmückung. Das Eingangsfoyer wird von zwei mächtigen Marmorsäulen getragen, hinter welchen seitlich zwei breite Treppenaufgänge verlaufen. Im Balustradengeländer, ebenfalls aus Marmor, befindet sich am Treppenabsatz eine Statuengruppe zweier nackter Knaben, die einen hohen vierarmigen Leuchter halten.

Decke (Detail)
Der Zuschauerraum wurde mit einer reichen Stuckaturverzierung geschmückt; die Deckengemälde vom Wiener Maler H. Löffler stellen den Lauf des Lebensalters und der Musik dar. Der Hauptvorhang ist das Werk des österreichischen Meisters Gustav Klimt (1862 - 1918), des späteren Hauptvertreters des Wiener Jugendstils und der europäischen Malerei um die Jahrhundertwende. Den Theatervorhang schuf er gemeinsam mit seinen Mitschülern Franz Matsch (1861 - 1942) und dessen jüngerem Bruder Ernest (1864 - 1892) noch während seiner Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule. Der Vorhang des Reichenberger Stadttheaters gehört zu G. Klimts ersten Aufträgen und geht daher vom damals noch vorherrschenden neu-renaissancistischen und historisierenden Stil aus. Das Sujet des Vorhanges ist eine Allegorie mit der Bezeichnung "Triumph der Liebe". Leider ist das Schriftbild heute nur noch sehr schwer leserlich. Viele Jahre war der Vorhang Witterungseinflüssen ausgesetzt und zwar im Bereich des Schnürbodens mit extrem wechselnden klimatischen Bingungen, die zusammen mit der im Theater auftretenden hohen Staubbildung ihr zerstörendes Werk ausführten. Erst bei der tiefgreifenden Rekonstuktion der Bühne und des Zuschauerraumes in den Jahren 1968 - 69 wurde Klimts Theatervorhang sehr kostenintensiv restauriert, doch selbst dieser fachmännisch ausgeführte Eingriff konnte dieses wertvolle Werk nicht mehr in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Ein weitaus besser erhaltenes Meisterwerk aus der Werkstatt der "Künstlercompagnie" der Gebrüder Klimt und F. Matsch stellt der um viele Jahre jüngere Vorhang im Karlsbader Stadttheater dar, der durch seine äusserst komplexe Allegorie "Apotheose der Dichtkunst" einen Beweis der ästhetischen, gedanklichen und kompositionellen Lauterkeit und technischen Handfertigkeit seiner Schöpfer darstellt.
Abschliessend kann ohne Übertreibung behauptet werden, dass das Reichenberger Theater zu den besten Gebäuden gehört, die in diesem architektonischen Bereich in unserem Land erbaut wurden.
Heute, nach der durchgeführten Restaurierung des Aussenmantels des Gebäudes und der Umgebung, strahlt diese Perle der Jugendstilbaukunst mit erneuter Schönheit den Passanten stolz entgegen. Möge dieses Theater auch all jenen entgegenstrahlen, die noch im nächsten Jahrhundert vorbeigehen werden.

Die Geschichte der Liberecer Oper

Die Anfänge der Oper in Reichenberg findet man gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als im Tanzsaal des Gemeindehauses die Premiere von Mozarts "Don Giovanni" und "Die Zauberflöte" stattfand. Seit 1820 wurde die Oper im Gebäude des Tuchmachertheaters aufgeführt. Nach dem Brand des Theaters wurde sie ab September 1883 im neuen Theatergebäude fortgesetzt, in welchem das Opernensemble bis heute seinen Sitz hat.
Zum Rückgrat des Opernrepertoires des neuen Theaters wurden vor allem die Werke Richard Wagners. Alle berühmten Opern Wagners liefen hier - mit Ausnahme der Werke "Parsifal" und "Rienzi" - und weiter auch die Opern von G. Puccini, W. A. Mozart, R. Weinberger, G. Verdi u.s.w. Einen ausserordentlichen Erfolg verzeichnete hier "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss in der Saison 1912 - 13 mit fünfzehn ausverkauften Vorstellungen.
Zu dieser Zeit wurde auch die Operette gepflegt. Seit dem Jahre 1923 werden im Reichenberger Theater auch Opern in tschechischer Sprache gespielt. Regelmässig trat hier die Olmützer Theatergesellschaft mit ihren Opern, Operetten und Schauspielen auf, bis ins Jahr 1938.
Nach einer fünfjährigen Pause in der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde die Theaterszene in Reichenberg schon am 5. Oktober 1945 mit Smetanas "Die verkaufte Braut" wiedereröffnet. In dieser ersten Saison fand die erste Fahrt des Opernensembles nach Zittau statt; damit wurde der Grundstein zur traditionellen langjährigen Freundschaft beider Theater gelegt.
Eine bedeutende Persönlichkeit der Reichenberger Oper war ihr Intendant Jaromír Žid, unter dessen Leitung schon im Jahre 1954 ein Smetana-Zyklus verwirklicht wurde. Dies war die erste Gesamt-aufführung der Werke Smetanas in der Tschechoslowakei nach dem Jahr 1945.
Das Opernensemble stütz sein Nachkriegsrepertoire vor allem auf die Werke der tschechischen Klassiker (Smetana, Dvorák, Foerster, Janácek, Novák, Blodek) und auf die Werke der Weltoper (Mozart, Verdi, Rossini, Puccini, Tschalkowski, Wagner u.s.w.).
Eine bedeutsame Zeit erlebte die Reichenberger Oper unter der Leitung von Rudolf Vašata; sie konnte deshalb einen der führenden Plätze im tschechoslowakischen Opernschaffen einnehmen. Auer der klassischen Literatur der Weltoper und der tschechischen Oper widmete R. Vašata besondere Aufmerksamkeit der Gegenwartsoper. Einige dieser modernen Opernwerke erlebten ihre Premiere in Reichenberg. Nach seinem Antritt gründete R. Vašata das musikalisch-dramatische Festival "Reichenberger Frühling", dessen zweiter Jahrgang im Jahre 1962 der Oper des 20. Jahrhunderts gewidmet war. Im Rahmen dieses Festivals erfolgte die zweite Gesamtaufführung der Werke Smetanas (unter Teilnahme des Aussiger Opernensembles mit den Opern "Die Brandenburger in Böhmen" und "Die Teufelswand").
Die regelmässige Pflege des symphonischen und Vokalschaffens bringt die grossen Werke von R. Wagner, S. Prokofjev, J. S. Bach, W. A. Mozart u. a. auf die Reichenberger Bühne. Unter der Leitung von R. Vašata wuchs in der Reichenberger Oper ein ganze Generation hervorragender Interpreten heran, von denen viele sich sowohl auf der Szene des Prager Nationaltheaters sowie im Ausland behaupten konnten.
Mit dem Prager Nationaltheater ist die Oper des F. X. Šalda-Theaters in dauernder freundschaftlicher Mitarbeit ständig verbunden und manche der führenden Reichenberger Solisten sind gleichzeitig Mitglieder der Oper des Nationaltheaters.
Die Reichenberger Oper zählt zu den führenden Opernensembles des Landes und ihr Repertoire stellt eine repräsentative Auswahl der Opern der Welt - und Landesliteratur dar.
Nach 1989 machte das Opernensemble eine Entwicklung durch, in der sich auf positive Weise ein dramaturgischer Umschwung in Richtung weltbekannter Opernstücke durchsetzte. Die Bedingungen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern, auch aus dem Ausland, haben sich verbessert. In der Besetzung erscheinen neben hervorragenden Solisten des Theaters F. X. Šalda auch ausgezeichnete gastierende Schauspieler, so z. B. Michael Renier, Nikolai Višnjakov, Galiya Ibragimova, Aneta Baranovská und Dagmar Žaludková. Bei der Auswahl der Inszenierungsteams werden Regisseure und Bühnenbildner von unumstrittener Qualität herangezogen (Zdenek Kaloc, Anton Nekovar, Josef Prudek). Stammdirigenten der Oper sind der Opernchef Martin Doubravský und František Babický.
Höhepunkte der vergangenen Opernsaison waren z. B. die Inszenierungen von Othello, Turandot, Aida und Nabucco. Die Opernvorstellungen erfreuen sich eines ungebrochenen Interesses des grossartigen Liberecer Publikums. Das Opernensemble gibt auch dauernd Gastvorstellungen im Ausland, so zum Beispiel in Österreich und der Schweiz (La Traviata, Othello). Die Beteiligung an Festivals wurde im Jahre 2001 durch die Auszeichnung mit dem Hauptpreis des 5. Jahrgangs des Musiktheaterfestivals in Prag gekrönt.

Die Geschichte der Liberecer Schauspielbühne

Das ständige Schauspielensemble in Reichenberg besteht erst seit 1945. Bis zu dieser Zeit wurde überwiegend in deutscher Sprache gespielt und tschechische Aufführungen wurden nur von gastierenden Theatern gezeigt. Bei der Installation des Landestheaters in Reichenberg am 1. 8. 1945 wurden die Aufführungen unter der Leitung des Regisseurs Jaroslav Novotný gestaltet.
Das Schauspielensemble eröffnete die erste Saison am 15. 9. 1945 mit Jiráseks "Gero", das die tschechische Orientierung des Esembles zum Ausdruck brachte. Die hohe Anzahl von Premieren (je Saison im Schnitt 19) ermöglichte die Schaffung eines reichen ständigen Repertoires, in welchem neben den obligatorischen tschechischen Klassikern und Weltklassikern Werke gegenwärtiger Dramatiker nicht fehlten. Ab der fünften Saison trat als Dramaturg Josef Balvín an, damit begann die langjährige Tradition einer reifen Dramaturgie, die für die Reichenberger Szene typisch wurde. Die Zahl der Premieren stabilisierte sich auf 10 bis 11 jährlich, dieses Modell wurde bis zum Ende der achtziger Jahre beibehalten. Im Jahre 1954 wurde der Dramatiker und Regisseurs Oldrich Danek Schauspieldirektor. Nach Josef Balvín trat der Dramaturg Zdenek Digrin an. Im Jahre 1957 erhielt das Theater, nach dem gebürtigen Reichenberger und einer der grössten Persönlichkeiten der tschechischen Kultur zwischen den beiden Weltkriegen, den Namen F. X. Šalda-Theater. Im gleichen Jahr trat Svatoslav Papež als Schauspielchef ein. Mit der nächsten Saison wurde Ivan Glanc Direktor, das Regisseurteam stabilisierte sich mit S. Papež, M. Vobruba, I. Glanc und J. Stanek, an dessen Stelle im Jahre 1962, J. Horan trat. Mit dem Antritt von Ivan Glanc und im Jahre 1961 des Dramaturgen Zdenek Horínek und Jaroslav Král begann eine bedeutende Etappe in der Arbeit des Reichenberger Schauspiels, sowohl in der Dramaturgie als auch in der Inszenierung. Im Repertoire dieses Jahres sind Dürrenmatt, Pinter, Mrožek, Ionescu, Achard, Buzatti, Camus sowie Dostojewski, Kundera, Uhde, Havel, Topol, Stoppard (bei uns uraufgeführt sein Werk "Rosenkrantz und Guildenstern sind tot" als Replik der Einstudierung Shakespeares "Hamlet" in einer Saison).
Die Fachkritik beginnt regelmässig Reichenberg aufzusuchen, die Premieren werden in den Fachzeitschriften Divadlo und Divadelní noviny (Theater und Theaternachrichten) regelmässig rezensiert, eine Reihe von Persönlichkeiten reift heran, die dann auch an namhaften Bühnen unseres Landes auftreten. Im Jahre 1969 wird Zdenek Horínek in der Dramaturgie durch Frau Vlasta Gallerová abgelöst.
Nach dem Abgang von Ivan Glanc im Jahre 1970 endet eine grosse Etappe im Leben des Reichenberger Schauspieles, Vorübergehend übernimmt der Regisseur Milan Vobruba bis zum Jahre 1973 die Leitung des Ensembles, danach wird der Regisseur Miloš Horanský für volle 11 Jahre Chef des Ensembles. Dank seiner ausdrucksvollen künstlerischen Persönlichkeit klingt diese sogenannte Glanc-Ära auch in den weiteren Jahren nach. In den siebziger Jahren beginnt die Arbeit des schöpferischen Teams mit V. Gallerová, M. Kríž, J. Malina, H. Anýžová und V. Habr. Sie untersucht mit einer entdeckenden Dramaturgie die Grenzen der künstlerischen, regieführenden und szenographischen Arbeit (Inszenierung von "Bruder Jaques", "Geschichten aus dem Wienerwald", "Isabella, drei Karavellen und der Mogler", "Der schandhafte Kuss" u.s.w. ). Der geleistete Beitrag M. Horanskýs liegt auer in seiner konzentrierten Schauspielerarbeit auch in der Pflege des tschechischen Gegenwartspiels und in der szenischen Poesie. Er ist der Begründer der Reichenberger "Poesieabende".
Auch in diesen Jahren schreitet das Streben nach qualitativer Dramaturgie fort. Unter dem Druck der Aufführung des russischen und sowjetischen Repertoires entsteht eine Reihe bemerkenswerter Inszenierungen der Schauspiele der Autoren V. Schukschin, G. Gorin, M. A. Bulgakov, B. Vasiljev, A. Arbuzov, A. P. Tschechov u. a. In Inszenierungen tschechischer Klassiker gastiert auf der Reichenberger Szene Ladislav Pešek. Nach dem Abgang von M. Horanský im Jahr 1984 kommt es zu einen raschen Wechsel der Regisseure und Direktoren, was zu keiner ruhigen und konzentrierten Zusammenarbeit im Ensemble beiträgt.
In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erhält das Schauspiel nach Adaptation der Proberäume die langersehnten Studioräume. Nun wird die Arbeit des Ensembles geteilt zwischen dem Kleinen Theater, in welchem die Möglichkeiten einer Studienschöpfung geprüft werden und dem klassischen Theater, dem F. X. Šalda Theater, wo gemeinsam die Oper und das Ballett auftreten. Im Verlauf des, fast ein halbes Jahrhundert dauernden Bestehens des Schauspielensembles in Reichenberg, ging eine Reihe von Künstlern über die Bühne des F. X. Šalda Theaters, deren Schaffen, wenn auch oft bloss auf die Reichenberger Szene konzentriert, mit seiner Bedeutung die Grenzen der Region weit überschritten hat und in die Geschichte des künstlerischen Schaffens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingegangen ist.
Das Reichenberger Schauspiel ist ein bedeutender Abschnitt der tschechischen Bühnenkunst das viele Jahre lang seine feste Stellung und seinen guten Ruf unter Beweis gestellt hat und weiter unter Beweis stellen wird.
In den neunziger Jahren musste sich das Schauspielensemble des Theaters F. X. Šalda, so wie alle anderen Theater in Tschechien, auf ein völlig verändertes Verhältnis der Besucher zum Theater einstellen. Die Theaterstreiks im Jahre 1989 zogen den Schlussstrich unter eine Ära, in der das Theater in unserem Land auch eine Rolle jenseits der Musen zu erfüllen hatte, nämlich die Ersatzrolle für eine nicht existierende regimekritische Opposition, die hier mal unentschlossen, da lächerlich behutsam, aber auch rasant und hartnäckig am Rande von Verboten balancierend, ja sogar auch gegen diese Verbote verstossend, agierte. So wurde das Theater für viele für zwei Stunden zu einer Oase der Freiheit. Und oft verliess man sich auch ein wenig auf diese - im Geist der Aufklärung - traditionelle Rolle.
Die Streiks der Bühnen im November 1989 waren der Höhepunkt dieses Trends. Nach einem wochenlangen Alleingang, bei dem die streikenden Theater der "Samtenen Revolution" Tür und Tor, sprich Bühnen und Zuschauerräume öffneten, kam die harte Realität der Freiheit. Die Theaterbesucher fanden mit einen Schlage im Alltag, was sie zuvor im Theater gesucht hatten. Über Nacht verzehnfachte sich die Konkurrenz, ob nun in Form von Fernsehsendungen, einer Flut von ausländischen Filmen, von Konzerten u.s.w., von denen man bis dahin nur träumen konnte, vom Angebot auf dem Büchermarkt ganz zu schweigen.
In der unternehmerischen Tätigkeit der Theater hat sich mit Ausnahme der grandiosen Prager Musical-Produktionen und einiger junger Ensembles wiederum nichts so Überwältigendes ereignet. In der Organisationsstruktur der tschechischen Theater, im Modus ihrer Finanzierung und ihres Wirtschaftens kam es zwar zu gewissen Veränderungen, die aber nicht so radikal waren, wie diejenigen, die das künstlerische Schaffen beeinflussten. Die Wende im politischen System stellte für die Theater eine echte Herausforderung dar, ihre Stellung in der Gesellschaft aus der Sicht der künstlerischen und kulturellen Bedeutung zu suchen und zu finden. Der Wichtigkeit von Veränderungen in der professionellen Struktur des Theaters des städtischen Typs wurde dabei eine geringere Aufmerksamkeit gewidmet. Alle erwähnten Veränderungen hatten selbstverständlich nachhaltige Wirkung auf die Arbeit des Schauspielensembles des Theaters F. X. Šalda. So verliess Petr Palouš, einer der führenden Regisseure der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, das Theater und ging nach Prag. Auch viele Schauspieler nahmen Engagements an Prager Theatern, samt dem Nationaltheater, an. Nun kam die erste Welle junger Schauspieler und Regisseure von der Prager Schauspielschule DAMU. Seit 1990 bis zur Mitte des Jahres 1992 wechselten sich im Theater die Direktoren Vladimír Volek und Petr Žantovský ab; in der Position der Schauspielleiter Pavel Palouš und Irena Žantovská. Am 1. 8. 1992 wird der Schauspieler und Regisseur Pavel Harvánek Theaterdirektor. Zuerst war er auch Chef der Schauspielbühne, bis er den Schauspieler Jirí Dosedel zum Leiter ernannte. Nach ihm kam im Jahre 1994 Roman Meluzín. Die Dramaturgie des Repertoire-Theaters suchte nach einer neuen Identität und musste sich darüber hinaus auch an den Betrieb auf zwei Bühnen gewöhnen.
Das Kleine Theater im ehemaligen Volkshaus mit seinen einhundertfünfzig Sitzplätzen war kein experimenteller Klub, sondern eine gleichrangige Bühne mit einem aussergewöhnlichen Mass an räumlicher Regiefreiheit. Der Kampf um den Zuschauer in einem marktwirtschaftlichen und kommerziellen Milieu konnte beginnen und gleichzeitig auch das Ringen um die Aufrechterhaltung des hohen künstlerischen und geistig-kulturellen Niveaus der Theaterinszenierungen, das dessen Existenz als regionale Kulturinstitution rechtfertigt.
Im Verlauf der neunziger Jahre stabilisierte sich das Ensemble. Pavel Harvánek war bis in den Winter 1999 hinein Theaterdirektor. Im Frühling desselben Jahres wurde es František Dána, bis dahin Opernchef und er ist bis heute in dieser Funktion. Zur Chefin des Schauspielensembles wurde nach Roman Meluzín im Jahre 1996 die Schauspielerin Michaela Lohniská ernannt. Am 1. 11. 1999 wurde der Regisseur Pavel Pechácek zum Chef der Schauspielbühne ernannt, und er blieb es bis zum 1. 2. 2001, bis zu seiner tragischen Erkrankung. Nach seinem Tod nahm der Schauspieler und Theatermanager Alexej Pyško diesen Posten ein. Dramaturgen des Schauspielensembles waren in den neunziger Jahren nacheinander Petr Hruška, Pavel Zvaric und Zuzana Minstrová. Seit 1994 dann das Paar Lucie Nemecková und Martin Urban. Nach dem Abgang von Lucie Nemecková im Jahre 2000 verblieb Martin Urban auf der Position des Dramaturgen, im Jahre 2002 kam TomᚠSyrovátka hinzu.
Seit dem Beginn der neunziger Jahre bis heute führte die Schauspielbühne des Theaters F. X. Šalda eine ganze Reihe erfolgreicher, sowohl klassischer Inszenierungen als auch Gegenwartsstücke auf. Darunter waren auch Inszenierungen von Stücken, die auf unserer Bühne als erste in der Tschechischen Republik aufgeführt wurden. Zum Beispiel Drivers und Haddows "Tschechow auf Jalta" im Jahre 1996 (Regie Petr Palouš), Freyns "Kopenhagen" im Jahre 2000 (Regie Lída Engelová) und "Maja" von Marina Carr im Jahre 2001 (wiederum unter der Regie von Lída Engelová). Das Schauspielensemble beteiligte sich regelmässig an Festivals und Vorstellungen auf dem Gebiet der ganzen Republik, ebenso regelmässig gastierte es auch in Prag. Es errang zwei bedeutende Auszeichnungen im Rahmen des Festivals des tschechischen Theaters: Den Zuschauerpreis für die Inszenierung des bereits erwähnten Stücks "Tschechow auf Jalta" und den Hauptpreis für die Inszenierung von Wajds Adaptation von Dostojewskijs "Verbrechen und Strafe", die im Jahre 2001 vom Tschechischen Fernsehen übernommen wurde.
Im Jahre 1995 wurde der Schauspieler Václav Helšus, einer der besten Schauspieler nicht nur in Liberec, sondern auch landesweit, für die Rolle von Vávra im Stück "Maryscha" der Gebrüder Mrštík für den Thalia-Preis nominiert.
Während das Schauspielensemble des Kleinen Theaters mit Erfolg auch äusserst anspruchsvolle Stücke aufführte (Pinters Verrat, Geburtstag, Equus von Shaffer - Regie Pavel Palouš, Frayn's Kopenhagen und andere mehr), zeigte man auf der Bühne des Šalda-Theaters insbesondere klassische Stücke wie zum Beispiel von Shakespeare (Komödie der Irrungen, Wie es euch gefällt, Der Sturm), sowie Komödien und Musicals (das wohl erfolgreichste war "Kabarett" in der Regie von Roman Meluzína). Zu den beachtenswertesten und anspruchsvollsten Inszenierungen auf der Grossen Bühne gehörten zweifelsohne Tschechows "Möwe" unter der Regie von Jan Kacer oder O'Neills "Trauer muss Elektra tragen" der Regisseurin Vera Herajtová. Die letzten erfolgreichen Inszenierungen im Grossen Theater sind heute die des Garderobiers von Ronald Harwood in der Regie von Petr Palouš und das Musical "Auf Glas gemalt" von E. Bryll und K. Gärtner in Regie und Choreographie von Ján Durovcík.
Die neunziger Jahre bedeuteten im Dasein des Liberecer Schauspielhauses einen grossen Umschwung praktisch in nahezu allen Arbeitsbereichen.
Während seit 1945 immer jeweils zwei bis drei Regisseure fest engagiert waren, ist seit dem Ende der neunziger Jahre auf diese Weise kein Regisseur mehr mit dem Theater verbunden. Regelmä_ig arbeiten hier jedoch Petr und Pavel Palouš, Lída Engelová und Jan Kacer. Mehr Raum bekamen und bekommen junge Regisseure.
Für das Jahr 2005 steht das 60. Jubiläum des Bestehens des Schauspielensembles an. Dies ist bestimmt eine Gelegenheit zu einer eingehenden Bewertung des Wirkens und der Bedeutung des Schauspielhauses am Theater F. X. Šalda in Liberec, sowohl im Kontext des kulturellen Geschehens in der Region, als auch im Hinblick auf die gesamte Nachkriegsgeschichte des tschechischen Theaters.

Die Geschichte des Liberecer Balletts

Seit seiner feierlichen Eröffnung im September 1883 bis ins Jahr 1945 hinein hatte das deutsche Theater in Liberec ein Schauspiel-, Opern- und Operettenensemble. Zu jenen Zeiten waren die Mitglieder des Ballettensembles, vor allem aus den Reihen der Amateure, deutsche Tänzer. Neben Auftritten von Akrobatik- und Zirkusgruppen wurden im Theater auch eine Reihe von gastierenden Ballettvorstellungen gezeigt, so des Theaters Divadlo na Vídence, des Prager Deutschen Landestheaters (1886), des Berliner Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters (1887, 1988), des Berliner Ensembles Excelsior (1890) und der Wiener Staats-oper K. Godlewský (1924, 1925, 1933). In den Jahren 1933 - 1937 wurden die Gastspiele von Harold Kreutzberg, dem berühmten, aus Liberec stammenden Stars des modernen Tanzes, zum Ereignis.
Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer radikalen Veränderung auf nationalpolitischem, aber auch auf kulturellem Gebiet. Zusammen mit der Oper und der Schauspielbühne erblickte auch ein eigenständiges professionelles Ballettensemble das Licht der Welt. Erster Ballettchef wurde Rudolf Macharovský, die erste Ballettpremiere das Stück "Aus dem Märchen ins Märchen". Zu den Persönlichkeiten, die im Liberecer Ballett Geschichte schrieben, gehören zweifelsohne Josef Škoda, Josef Judl, Vera Untermüllerová und Bohumil Svoboda. Sie inszenierten nicht nur klassische Stücke (Schwanensee, Die schlafende Schöne, Nussknacker), sondern auch Werke des modernen Ballettheathers.
Im Jahre 1964 übernahm Milena Moravcová die Leitung des Ballettensembles. Ihre Ära zeichnete sich durch eine untraditionelle Dramaturgie aus, zu ihren Choreografien suchte sie sich gute, ursprünglich nicht fürs Ballett bestimmte Musikstücke sogar aus dem Gebiet des Jazz aus. Im Jahre 1971 kommt František Pokorný nach Liberec, der hier seine originelle Konzeption eines neuzeitlichen Tanztheaters realisiert und eine Reihe von Autoren-Ballettkollagen aufführt. Im Jahre 1989 gründete er die Experimentelle Tanzschule, die einzige ihrer Art in Tschechien. Mit dem Liberecer Ensemble studierte er über dreissig Stücke ein - Menschliche Komödie (1971), Rožmberker Bilder (1972), Carmen (1974), Anna Karenina (1978), Viktorka (1979), Feldmesse (1981), Däumling (1990), Coppelia (1992).
Nach dem Ausscheiden von František Pokorný im Jahre 1993 tritt Petr Šimek (Carmen, Romeo und Julia, Rattenfänger, Salome) an dessen Stelle, nach vier Jahren wird er von Ljubov Dancenko abgewechselt. Er lädt die Choreografen D. Wiesner, J. Loginov, P. Šmok zu Gastinszenierungen ein.
Petr Tyc führt im Jahre 2000 als Leiter und Choreograf die Stücke "Sara war 90 Jahre alt", "Vier biblische Tänze" und das Projekt "Das wenige, dass ich über die Sylphiden weiß" auf.
Seit 2001 ist Vlasta Vindušková Ballettchefin. Zum jetzigen Zeitpunkt hat das Ensemble 14 Tänzer; zu den Ballettinszenierungen werden Solisten und Choreografen unserer führenden Bühnen eingeladen - Erinnerungen (I. Janovcová, P. Šimek - im Jahre 2001), Herbstkarneval (G. Skála - für die Rolle der Fiona wurde T. Juricová der Thalie-Preis zuerkannt - 2001), Das Ende der alten Zeiten (D. Slobašpyckyj -2002), Pygmalion (I. Janovcová - 2002) und Salieri? Mozart! (G. Skála - K. Miková, mit dem Philip Morris-Nebenpreis ausgezeichnet - 2003).

  Sonstige Informationen

Hinweise zu den Terminen des František-Xaver-Šalda-Theater finden Sie hier.

Quelle: František-Xaver-Šalda-Theater




Bild
 Kassel, Staatstheater
© Dominik Ketz



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