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 Gespräche     
  Kammerorchester Basel 13.09.2006 
Bild m/i14 Sol Gabetta
© Kammerorchester Basel
Fee am Cello

1. Du bist in Argentinien geboren und aufgewachsen. Wo habt ihr in Argentinien den Sommer verbracht?

Wir hatten ein Sommerhaus ganz in der Nähe von Cordoba – Carlos Paz – frische Luft an einem See in den Bergen. Manchmal habe ich zweieinhalb Monate im Sommer dort verbracht. Das Haus lag direkt gegenüber vom See. Dort gab es auch Nachbarskinder, die haben immer an mein Fenster geklopft und gefragt, wieviel Minuten denn Madame Gabetta noch übt.

2. Mit wieviel Jahren hast Du mit der Musik angefangen?

Ich war drei Jahre alt, als ich mit dem Geigenspiel anfing. Als ich 4 1/2 Jahre war, kam das erste kleine Kindercello aus Japan nach Argentinien und wurde bei uns in Cordoba präsentiert. Von diesem Augenblick an wollte ich nur noch Cello spielen. Allerdings hatte das Instrument aus der Perspektive eines kleinen Mädchens eher die Grösse von einem Kontrabass – denn es handelte sich um ein halbes Cello. Aber ich wollte unbedingt dieses Instrument und so habe ich die ersten drei Jahre „Kontrabass“ gespielt und erst später Cello. Als ich mit acht Jahren in Buenos Aires Cellounterricht erhielt, sind meine Eltern mit mir alle ein bis zwei Wochen 800 km nach Buenos Aires gefahren.

3. 800 km mit dem Auto für eine Cellostunde?

Ja – in Buenos Aires hörte ich Christina Walewska im Konzert, ohne die ich mich wohl nie für das Cello als Berufung entschieden hätte. Ich sah und hörte eine wunderschöne Frau – eine Prinzessin – die das Cellokonzert von Dvorak spielte. Ich war aber vor allem von den Klängen, die sie aus ihrem Instrument herauszauberte angetan. Nach dem Konzert in der Künstlergarderobe habe ich dann gesagt, ich möchte nicht nur wie diese Prinzessin aussehen, sondern auch mit ihren Celloklängen sprechen können und sie nahm mich als Schülerin auf.

4. Mit 8 Jahren hast Du Deinen 1.Cellowettbewerb gewonnen – erinnerst Du Dich noch daran, was Du damals gespielt hast?

Das erste Stück was ich unbedingt spielen wollte war „Adagio und Allegro“ von Carl Maria von Weber. Ich hatte es mit Christina Waleska gehört und damit kam ich ins Finale in Buenos Aires. Ich lebte noch in meiner Traumwelt von der Prinzessin und ihren Klängen und dann empfahl plötzlich die Jury meinen Eltern, mich in Europa unterrichten zu lassen. Aber der eigentliche Grund für Europa war mein Bruder. Er flog zu einer Eignungsprüfung nach Madrid und da ich mit zehn Jahren nur den halben Preis für den Flug bezahlen brauchte, durfte ich mit und stellte mich ebenfalls den Prüfern vor: „Ich freue mich sehr hier zu spielen, aber ich muss mich noch ein paar Minuten einspielen. Könnten Sie bitte herausgehen?“ Und da sind sie alle heraus gegangen. Nach 10 Minuten kamen sie und fragten: „Dürfen wir wieder herein.“ So bestanden mein Bruder und ich die Eignungsprüfung. In der Jury sass Ivan Monighetti. Ich war damals zehn Jahre alt und offiziell beginnt ein Studium mit 18 Jahren. Deshalb bat er, dass meine Mutter nach Spanien kommt. Als ich zwölf wurde, ging Monighetti nach Basel und wir sind ihm gefolgt. Auch mein Vater kam dann von Argentinien zu uns.

5. Du hast nach Ivan Monighetti auch bei David Geringas studiert – beides Lehrmeister der russischen Schule. Was macht das Besondere der russischen Schule aus?

Als ich bei Monighetti in Basel mein Solistendiplom machte, war ich 19 Jahre und wusste, dass ich eigentlich noch nicht fertig war mit dem Cellostudium. Mit 16 Jahren beim Rostropowitsch-Wettbewerb in Moskau hörte mich David Geringas und bot mir an, zu ihm zu kommen. Ich machte dann also noch mein Konzertexamen bei ihm. Bei Monighetti lernte ich 10 Jahre nach der russischen Schule – eine lange Zeit. Diese Schule drang nicht nur bis in den Kopf, sondern erreichte auch das Herz.
Am Anfang war das vielleicht eine sehr strenge Lehrmethode. Man muss sie erst einmal verstehen. Aber was ist schon streng? Wenn wir den Namen russische Schule hören, assoziieren wir sofort das Bild von einer harten Schule. Aber das ist eigentlich relativ, also immer abhängig von der entsprechenden Person. Wenn man eine übersensible Person ist, mag das mit der Gefahr dieser Schule stimmen. Aber für mich war das genau richtig und ich habe durch sie gelernt, dass man viel mehr erreichen kann, als man denkt. Die russische Schule führt dich an deine Grenzen, aber wenn Du diese Grenze überschritten hast, dann eröffnen sich unglaubliche Freiheiten im Spiel und du hast trotzdem einen Wegweiser. Klar habe auch ich gelitten, als ich jung war und unter Stress stand mit den vielen Wettbewerben. Aber heute kann ich sagen: Gott sei Dank habe ich das hinter mir. Denn erst dadurch kann ich ohne Lampenfieber einfach auf die Bühne gehen und brauche nicht mehr diese Wettbewerbe. Ich habe dadurch eine stärkere mentale Kraft als vorher. Die einstige Anstrengung der Wettbewerbe von damals, löst heute auf der Bühne positive Energien aus.

6. Du hast gerade Deine erste CD aufgenommen mit einigen Werken von Tschaikowski, von Saint-Saëns und Ginastera – ist das eine Reminiszenz an Deine Wurzeln?

Genau – die Idee war die drei Länder, die ich in meiner Person trage, zusammen zu bringen.

7. Wenn man Dich spielen sieht, fällt nicht nur auf, dass Du als Solistin eigentlich alles auswendig spielst, sondern auch Deine besondere Verbindung mit dem Instrument. Die Zeitungen schreiben vom „entrückten“ Spiel der Sol Gabetta, die sich während der Werkinterpretation offenbar in einer anderen Welt befindet. Welche Rolle spielt eigentlich das Publikum während Du spielst? Ist es noch „atmosphärisch spürbar“ oder bist Du ganz auf die Musik konzentriert?

Wenn man auswendig spielt, ist man auch ein anderer Mensch – man kann stärker abstrahieren. Wenn man z. B. Trio spielt, ist das etwas anderes. Ohne Noten habe ich das Gefühl, ich komme viel näher an die Musik und ich spüre, dass das Publikum dies auch so empfindet. Ich weiss, dass die Musik ankommen wird, auch wenn ich sie nicht sehe. Ich spiele schon für mein Publikum, aber wenn ich nicht diese intensive Beziehung zur Musik aufbaue, kann ich das auch nicht an das Publikum weitergeben.

8. Nüchtern betrachtet ist das Cello ein Stück Holz, über das vier metallene Saiten gespannt sind. Einen schönen Klang zu erzeugen, erfordert aber nicht nur Technik und ein gutes Instrument. Was braucht es noch, damit das Instrument zum Ausdrucksmittel des eigenen Ichs wird?

Ich glaube, dass wenn man etwas zu sagen hat, ist es egal, was man dazu benötigt, um es auszudrücken. Ich habe bei den Wettbewerben gesehen, was Technik auslöst, wenn man nichts zu sagen hat. Natürlich wenn man so ein tolles Instrument wie mein wunderbares Cello (G.B. Guadagnini von 1759) spielen darf – dann ist die Qualität noch besser. Aber wenn die Person etwas zusagen hat, kann auch das Instrument etwas sagen.

9. Was macht Sol Gabetta wenn Sie nicht gerade am Cello sitzt?

Ich geniesse unser Haus in Olsberg. Es ist so schön zu Hause anzukommen, wenn man viel unterwegs ist. Und ich muss auf meinen Reisen wissen, dass es ein Zuhause gibt. Das ist existenziell für mein Spiel und das ist jetzt Olsberg.

Kammerorchester Basel, http://www.kammerorchesterbasel.com




Bild
 Opéra de Toulon Provence Mediterranée
© Opéra de Toulon



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