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  Theater Bonn 15.09.2006 
Bild m/i24 Cesare Lievi
© Thilo Beu
Die Zeit ist ein sonderbar Ding

Martin Essinger: Der Rosenkavalier ist seit seiner UrauffĂŒhrung 1911 ein ErfolgsstĂŒck der OpernbĂŒhne. Worin liegt Ihrer Meinung nach dieser Erfolg begrĂŒndet?

Cesare Lievi: Ganz sicher in der Kombination von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Das Libretto ist sehr intelligent, literarisch anspruchsvoll, dramaturgisch hervorragend gebaut und dann gibt es die eingĂ€ngige Musik von Richard Strauss, die ganz anders ist, als die Musik, die er bis dahin geschrieben hatte, etwa mit Elektra oder Salome. Zum Erfolg trug ganz sicher auch bei, dass es sich bei dieser Oper um eine Komödie handelt, von denen das deutsche Theater nur ganz wenige bedeutende aufweisen kann. Außerdem handelt es sich um eine Komödie, die Tiefgang hat. Hofmannsthal wurde einmal gefragt, wo diese Tiefe zu finden sei und er sagte: an der OberflĂ€che.

Sie haben bereits viele Opern inszeniert, zuletzt in Bonn Gioacchino Rossinis Il Barbiere di Sevilla. Aber den Rosenkavalier haben Sie sich ganz besonders gewĂŒnscht.

Ich mag Hugo von Hofmannsthal sehr und halte ihn fĂŒr einen ganz wichtigen Schriftsteller, der leider heute etwas vergessen ist. Ich verstehe sehr gut die Schwierigkeiten, Hofmannsthal heute im deutschsprachigen Raum zu inszenieren, denn er gehört als österreichischer Aristokrat einer Welt an, die spĂ€testens nach dem 1. Weltkrieg verschwunden ist. Aber obwohl diese Welt untergegangen ist, hat Hofmannsthals Dichtung immer noch einen großen Reiz, eine AktualitĂ€t und eine ModernitĂ€t, die nichts mit Tagesmoden zu tun hat.

Nach seinem sogenannten Chandos-Brief war Hofmannsthal in eine tiefe Sprachkrise geraten, nachdem er mit siebzehn Jahren unter dem Pseudonym Loris als einer der hoffnungsvollsten Lyriker der Zeit gefeiert worden war. Was bedeutete fĂŒr ihn die Oper und warum, meinen Sie, wĂ€hlte er dazu die Form der Komödie?

Das Theater und die Oper waren fĂŒr Hofmannsthal die Rettung aus seiner Sprachkrise. Auch wenn es fĂŒr Hofmannsthal eine Trennung zwischen dem Wort und dem Ding gibt, sind die Wörter da und man muss diese Trennung ĂŒberwinden und das ist möglich durch das Theater, durch die Schauspieler und vor allem durch die Musik. Das Theater ist die natĂŒrliche MĂŒndung dieser Krise. Die antike Tragödie war fĂŒr Hofmannsthal erschöpft, wie Elektra zeigt und ein neuer Weg war fĂŒr ihn die Komödie.

Hofmannsthal und Strauss haben den Rosenkavalier als eine Komödie mit Musik bezeichnet. Was ist an diesem Werk das komische Element?

Man muss sich hĂŒten, Komödie mit komisch gleichzusetzen. Komödie ist viel eher eine Struktur, eine ErzĂ€hlweise, die die komische und manchmal auch die lĂ€cherliche Seite der Menschheit bloßstellt. Es ist eine Form von EnthĂŒllung. Man sieht oft in der Komödie Situationen, von denen man denkt, so etwas kann nicht passieren. Und dann stellt man erstaunt fest, dass die Menschen tatsĂ€chlich so sind. Ich finde, in unserer Zeit ist die Tragödie nicht mehr möglich, aber die Komödie ist noch möglich, denn das Leben ist der Komödie nĂ€her als der Tragödie. Und oft fallen in der Komödie die komische und die tragische Seite zusammen, wie auch im Rosenkavalier.

Den Autoren folgend spielt diese Oper in der Zeit Maria Theresias, also in einer Zeit des Rokoko, der extremen Standesunterschiede. Aber im Rokoko gab es natĂŒrlich den Walzer noch nicht, im Wien der Entstehungszeit 1910/11 aber war der Walzer zum Synonym der Stadt geworden. War das ein Grund fĂŒr Sie, das Werk zeitlich zu verlegen?

FĂŒr mich ist dieses Werk nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. Hofmannsthal siedelte es zwar in der Zeit Maria Theresias an, denn die Zeit Maria Theresias war fĂŒr Österreich eine Glanzzeit. Hofmannsthal hat hier die Gepflogenheit der Silbernen Rose eingefĂŒhrt, die aber völlig von ihm erfunden ist. Ebenso wie Strauss den Walzer verwendet, der vor allem zum Wien des 19. Jahrhunderts gehört. Beide zeigen also im Grunde zeitlose Dinge, fĂŒr beide ist Maria Theresias Zeit verklĂ€rt und zu einer fabelhaften MĂ€rchenzeit geworden. Dieses MĂ€rchen, das sie erzĂ€hlen, ist nicht nur ein verklĂ€rtes Bild der Vergangenheit, sondern gleichzeitig auch ein Ort der Utopie. In diesem MĂ€rchen zeigt Hofmannsthal eine Monarchie, wie sie als Ideal hĂ€tte sein können, auch wenn er sie nicht ohne kritischen Blick betrachtet. Vielleicht kann man diese Komödie als Hofmannsthals Traum der Aristokratie bezeichnen. Dieser Traum aber weist gesellschaftliche Elemente auf und der Unterschied zwischen den Klassen wie Aristokratie, BĂŒrgertum und Dienerschaft muss deutlich und klar sichtbar sein. Und die letzte Zeit, in der noch eine Aristokratie sichtbar war , waren die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wie sie etwas in Fellinis Film La dolce vita gezeigt wird. Darum haben wir uns entschlossen, den Rosenkavalier hier anzusiedeln, wobei vieles auch zeitlos sein und das Werk im MĂ€rchen und im Traum enden wird.

Wie passt in diese Welt die Marschallin und wie sehen Sie ihre Entwicklung innerhalb des StĂŒckes?

Der Hauptprotagonist dieses MĂ€rchens, dieses Traumes ist die Marschallin. Sie ist eine Theaterfigur, die zu Beginn von Gier nach Leben besessen ist. Dann versteht sie langsam, dass die Zeit existiert und mit der Zeit auch der Tod. Zeit und Tod aber fordern vom Leben eine andere Haltung, vor allem die FĂ€higkeit des Verzichts. Sie versteht, dass man, um leben zu können und auch das Leben zu genießen, verzichten muss. Man muss das Leben nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Augen der anderen sehen lernen, das heißt, die Menschheit lieben zu lernen und sich damit fĂŒr ein ethisches Leben zu entscheiden. Und der Verzicht ist in Hofmannsthal Utopie dafĂŒr die Voraussetzung.

Wie sehen Sie die Beziehung von Octavian zur Marschallin und spÀter zur Sophie? Liebt er eine von ihnen wirklich, oder sogar beide?

Die Beziehung zur Marschallin halte ich fĂŒr ein Spiel, in dem er sich profilieren kann. Sophie ist jĂŒnger und schöner. Sie verspricht, fĂŒr ihn vielleicht ein schöneres Abenteuer zu werden. Er empfindet erstmals wirklich etwas fĂŒr einen anderen Menschen, die Beziehung zu Sophie ist kein Spiel mehr. Er spĂŒrt erstmals GefĂŒhle fĂŒr jemanden und ist auch bereit, etwas fĂŒr ihn zu wagen. Aber er erreicht dadurch keine ethische Haltung. Die Begegnung mit Sophie verĂ€ndert ihn nicht, er bleibt immer er selbst.

Baron Ochs auf Lerchenau spricht zwar immer wieder von seinem Lerchenauischen GlĂŒck, aber ist er nicht eine von Hofmannsthal ziemlich negativ gezeichnete Adels-Figur?

Baron Ochs ist eine sehr dramatische und sehr traurige Figur. Er ist eigentlich das Opfer, mit dem die Menschen und das Schicksal spielen, weil er eine falsche Beziehung zur Welt hat. FĂŒr ihn existiert der andere nicht, er sieht nur aus dem Blickwinkel seiner ĂŒberlegenen Klassensituation und seiner Begierde heraus. Er glaubt frei zu sein, aber es ist eine Freiheit ohne den Anderen, Aber es kann keine eigene Freiheit ohne die Freiheit des Anderen geben.

Welche Rolle spielt Faninal, Sophies Vater, in dieser Konstellation und welche Stellung nimmt er in der Handlung ein?

Faninal ist durch und durch Kaufmann, der nicht nur Mehl verkauft (wir sehen dies in meiner Inszenierung deutlich im zweiten Akt), sondern um des Adelstitels willen auch seine Tochter. Sein Traum ist ein gesellschaftlicher Aufstieg und zur aristokratischen Schicht zu gehören und er weiß, dass ihm Geld allein dazu nicht verhilft. Er ist am Ende kein Vater, sondern er bleibt immer ein Kaufmann. Sophie wird in dieser Situation zu seinem Opfer.

Noch ein Wort zum Lever im 1. Akt: welche Funktion hat es fĂŒr Sie in der Zeit, in der Sie die Oper spielen lassen?

NatĂŒrlich ist das Lever, das heißt der Empfang von Besuchern und Bittstellern im Schlafzimmer, eine Gepflogenheit des 18. Jahrhunderts. NatĂŒrlich gab es das auch spĂ€ter noch, Der Filmregisseur Lucino Visconti hat z. B. seine Besucher fast nur im Schlafzimmer empfangen. Aber das Lever hat fĂŒr mich im Rosenkavalier die zusĂ€tzliche Bedeutung, dass plötzlich in die PrivatsphĂ€re der Marschallin die Welt und deren buntes Treiben einbricht. Bis dahin ist das Zimmer das ganz intime, stille Refugium der Marschallin und des Octavian. Aber dieses Refugium ist vergĂ€nglich und das Leben dringt ein wie ein bunter Fellinianischer Zirkus. FĂŒr mich hat das Lever auch in der Dramaturgie des StĂŒckes die Funktion, dass die Marschallin fĂŒr einen Augenblick das Eindringen der Zeit gesehen hat. Die eindringenden Menschen sind plötzlich wie ein Spiegelbild der VergĂ€nglichkeit fĂŒr sie. Danach kehrt die Stille zurĂŒck und sie beginnt ĂŒber Zeit und VergĂ€nglichkeit zu reflektieren.

Zeit und VergÀnglichkeit sind wichtige Elemente dieser Oper. Machen Sie diese auch optisch sichtbar?

Das Problem im Rosenkavalier ist nicht die optische Darstellung von Zeit und VergĂ€nglichkeit, sondern die Frage, wie kann man beide ĂŒberwinden? Überwinden kann man sie nur dadurch, indem man Zeit und VergĂ€nglichkeit akzeptiert, wie die Marschallin es tut und auch anerkennt, dass der Tod kommen wird. Wenn man das akzeptiert, sieht man, dass dieses Schicksal der ganzen Menschheit auferlegt ist. Und aus diesem Wissen um die VergĂ€nglichkeit aller Menschen entwickelt sich die Liebe fĂŒr Andere. Diese Hinwendung zu einer ethischen Lebenshaltung ist sicher eine der schönsten Utopien Hofmannsthals und ein wichtiger Aspekt von Hofmannsthals Zeitlosigkeit.

Quelle: Das Magazin 08/2006 | Theater Bonn | http://www. www.theater.bonn.de




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 OpĂ©ra de Toulon Provence MediterranĂ©e
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