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 Gespräche     
  Deutsche Oper am Rhein 26.09.2006 
Bild m/i49 Philipp Himmelmann
© Deutsche Oper am Rhein
„Wer auftritt, der bestimmt den Raum“

Händels Giulio Cesare in Egitto, ursprünglich gedacht für einen barocke Kulissenbühne, Reifrock und Allongeperücke, jetzt transformiert in den nahezu experimentellen Raum der RheinOper Mobil - wie verträgt sich das miteinander?

Philipp Himmelmann: Erstaunlich gut, weil Text und musikalischer Gestus der Musik immer direkt auf die handelnden Personen hinführen. Beides ist auf innere Zustände und Emotionen ausgerichtet, bedient nicht ein äußeres Handlungsgeschehen oder Repräsentationsvorgänge, ausgenommen vielleicht die Verführungsszene der Cleopatra, in der ihr Erscheinen als Tugendgöttin vom Parnass ursprünglich sicher als großes optisches Spektakel gedacht war. Diese Ausrichtung auf die Figuren im Sinne des Shakespeareschen Slogans „Wer auftritt, der bestimmt den Raum“, ist sehr gut vereinbar mit einem Theaterraum wie die ROM, der keinen Bühnenzauber zulässt. Das geht mit Händels Musik sehr gut auf, weil sie nicht äußere Vorgänge illustriert, sondern in ihrer Arienabfolge sehr viel über das Innenleben der Personen und ihre Beziehungen untereinander erzählt.

Cäsar und Cleopatra, die beiden Hauptgestalten der Oper, sind als historische Gestalten sehr populär. Inwieweit bestimmt das die Deutung der entsprechenden Opernfigur?

Das hat einen bestimmten Einfluss, da diese Namen ja mit vielen Bildern, Hollywoodfilmen, Sprichwörtern und Legenden assoziiert werden. Deshalb haben wir uns natürlich auch um die Historie gekümmert, aber bald schon festgestellt, dass sich schon das Barockzeitalter stark davon gelöst und den zitierten Figuren eigene Affekte, Emotionen und Verhaltensweisen zugeordnet hat. Dennoch haben wir uns bei der Erarbeitung des Stückes immer wieder der Historie vergewissert, auch der ganz persönlichen Beziehungen wie die von Cleopatra und ihrem Bruder Tolomeo, die als Mischung von Liebespaar, Geschwisterpaar, Regentenpaar merkwürdig verquer war. Wir haben versucht, sie unter modernen psychologischen Aspekten anzureichern und zu entwickeln. Das hat die historische Kulisse als szenisches Element von Anfang überflüssig gemacht.

Dennoch scheint es nicht nur um Liebe, Eifersucht, Verrat, also Leidenschaften pur zu gehen. Ich denke, dass die historischen, sprich politischen Umstände, unter denen sich das Geschehen vollzieht, keineswegs unwichtig sind und dass die Figuren unabhängig von ihren persönlichen Wünschen und Gelüsten stets als Personen des öffentlichen Lebens, eben als Cäsar und Cleopatra, handeln.

Nicht nur diese beiden, alle Figuren sind von diesen Umständen sehr stark beeinflusst. Sie streben nach Macht, bemühen sich um Machterhalt und jonglieren damit. Das heißt, die politische Situation spielt immer mit. Die beiden Geschwister Cleopatra und Tolomeo kämpfen um ihre Vormachtstellung und versuchen, die von außen einbrechende Weltmacht für ihre strategischen Ziele zu benutzen - Cleopatra mit den Mitteln der Verführung, Tolomeo, indem er, um sich anzubiedern, den politischen Gegner liquidiert, um sich dadurch bei Cesare einzuschmeicheln. Alle haben einen übersteigerten und leicht hysterischen Machterhaltungstrieb, weil sie auch unter einer großen politischen Anspannung stehen. Denn für alle bedeutet der Machterhalt auch existenzielles Überleben, d.h. sie müssen ständig wachsam sein, reagieren, weiter kämpfen, und machen dabei logischerweise auch gravierende Fehler. Letztlich gehen alle irgendwie lädiert aus der Geschichte hervor. Das Happyend kennt keine strahlenden Sieger, und schon gar keine stabile Ordnung. Man hat eher das Gefühl, der Kampf geht weiter, wie es auch in der Geschichte der Fall war. Cäsar hat Cleopatra mit nach Rom genommen, wo sie um ihre Anerkennung ringen musste. Kurze Zeit später wurde Cäsar ermordet, und Cleopatra musste die Verbindung zu anderen mächtigen Männern suchen. Die Dynastie erreichte keine Stabilität.

Das, was Sie beschreiben, klingt sehr nach heutiger Welterfahrung und Geschichtsskepsis. Die Funktion der Barockoper bestand aber darin, feudalabsolutistische Herrschaft zu beglaubigen und zu glorifizieren. Ist das nicht ein Widerspruch?

Sicher war das Repräsentative eine sehr wichtige Funktion der Barockoper. Wenn man sich aber auf die Musik gerade des Giulio Cesare konzentriert, so wird man darin keine echte Stabilität entdecken. Der Kampf hält bis kurz vor Schluss an, es scheint auch keine echte Lösung zu geben. Der Krieg hält an, Krieg auch als Metapher dafür, wie sich die Dinge täglich wandeln und in existenzielle Bedrohung umschlagen können. Die Oper führt vor, wie rasch sich die Situationen ändern, wie die Figuren zu ständig neuer Positionsbestimmung gezwungen sind, alle Figuren, sogar die als edel ausgewiesene Cornelia, die das grausame Verbrechen an ihrem Mann verkraften muss, Verantwortung für ihren Sohn hat und selbst seelisch sehr angeschlagen ist. Auch sie muss taktieren unter dem Druck, dem sie ausgesetzt ist. Das ist ja das Erstaunliche an dieser Opernform, dass sie trotz ihrer Repräsentationsfunktion soviel Wahres und aus unserer Sicht „Modernes“ vermittelt. Sie vergegenwärtigt das Sprunghafte, den atemberaubend schnellen Wandel. Das Lineare der Geschichte ist zweitrangig. Interessant ist, wie die Figuren auf das Wechselbad der Situationen und Gefühle reagieren und was die Musik dazu erzählt.

Das heißt, dass auch das Hauptthema, die Liebe, kein versöhnendes Moment ist.

Sie ist nie rein, nie frei, überhaupt nicht romantisch. Sie ist zweckorientiert, d.h. erotische Mittel werden eingesetzt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dass dabei auch Sehnsüchte und echte Gefühle aufkommen, ändert nichts an dieser Grundsituation, die dem Machtkampf und dem dadurch entstehenden gegenseitigen Misstrauen geschuldet ist. Das beste Beispiel dafür ist Cleopatra, die sich Cesare zunächst nicht zu erkennen gibt und unter falschem Namen vorstellt, um ihn testen zu können, um ihre Verführungsstrategie aufzubauen, um sich gegebenenfalls eine zweite Chance zu erhalten, sollte sie als Lydia nicht seine Aufmerksamkeit erlangen. Das ist sehr klug und genau kalkuliert.

Gibt es auch Momente, in denen sich die Liebe nicht mehr kalkulieren lässt, in denen sie auch von einer Frau wie Cleopatra Besitz ergreift und sie steuert, anstatt von ihr gesteuert zu werden? Ich denke da an ihr wunderbar gefühlvolles „Piangerò la sorte mia“ im dritten Akt.

Auch Cleopatra erlebt Momente der Verzweiflung, wo sie nicht mehr die Kontrolle über ihre Gefühle hat, wo sie ehrlich um den Geliebten bangt. Aber das ist ganz selten, eigentlich nur im zweite Akt unmittelbar nachdem sich Cäsar seinen Verschwörern stellt. Da spürt man ihre Angst, da zeigt sie sich ganz unverstellt und offenbart wirkliches Gefühl. Aber sie findet doch recht schnell wieder zu ihrer Fasson zurück. Das zeigt das große Liebesduett am Schluss. Für mich hat das wieder einen eher kühlen Charakter.

Sie misstrauen seiner Harmonie?

Ja, weil, wie schon gesagt, die Figuren aus allem, was passiert ist, nicht unbeschädigt hervorgehen können. Mir scheint da der nächste Konflikt schon vorprogrammiert.

Neben den prime parti des Liebespaares Cesare und Cleopatra gibt es die ebenso starke Mutter-Sohn-Beziehung zwischen der Witwe des ermordeten Pompejus, Cornelia, und ihrem sich zur Rache verpflichteten Sohns Sesto. Was erzählt das Stück über diese Generation, die ganz unschuldig in derartige politische Konflikte hineingerät?

Sesto muss man sich als einen Sohn aus höheren Kreisen vorstellen, einen Politikersohn, gut gebildet, mit Idealen, etwas für den Frieden tun zu können. Dieser junge, noch gänzlich unausgereifte Mensch wird in die Wirrnisse des Geschehens hineingezogen und muss lernen, dass es keine Loyalität, kein ehrliches Vertrauen, keine Verlässlichkeit gibt, was ihn wahrscheinlich zu einem großen Zyniker werden lässt, wenn er nicht sogar in großer seelischer Verstörtheit endet. Für mich verkörpert er, was Krieg und Gewalt in jungen Menschen anrichten, welche seelischen Verwüstungen sie hinterlassen. Und dafür gibt es ja leider sehr viele aktuelle Beispiele.

Machtkämpfe, Gewalt, Berechnung, Verrat, das sind dramatische Themen. Sie klingen nicht unbedingt nach „guter Unterhaltung“. Und dennoch gilt Giulio Cesare in Egitto als die populärste Händel-Oper. Wie erklären Sie sich diesen Zuspruch und die Begeisterung, mit der Barockopern besonders in den letzten Jahren aufgenommen worden sind?

Die Musik dieser Werke ist von großer Unmittelbarkeit. Sie versetzt uns ganz unmittelbar in die verschiedensten Gemütslagen, in denen wir uns auch mühelos wieder erkennen. Es ist aber auch der virtuose Gestus dieses Musizierens, der fasziniert, die Virtuosität der Stimmen, im speziellen Fall die Genialität Händels, wie er allein mit der Melodie und einfachen harmonischen Mittel grandiose Wirkungen erzielt oder in der größten Euphorie den tiefsten emotionalen Absturz auslöst. Das ist im wahrsten Sinn des Wortes phänomenal, außergewöhnlich, überragend.

(Das Gespräch führte Dr. Hella Bartnig.)

Quelle | Deutsche Oper am Rhein | http://www.deutsche-oper-am-rhein.de




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