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 CD     
  Riehm, Rolf 
Das Schweigen der Sirenen / Tänze aus Frankfurt

Rolf Riehm
RSO Frankfurt
Lothar Zagrosek
| LEITUNG

Christine Whittlesey | SOPRAN
Christer Bladin | TENOR


Zwei Werke des Frankfurter Komponisten Rolf Riehm mit dem RSO Frankfurt unter dem Dirigenten Lothar Zagrosek sind auf CD erschienen. Das 1987 geschriebene Das Schweigen der Sirenen nach der Erzählung von Franz Kafka für Sopran, Tenor, großes Orchester und elektronische Zuspielungen (Solisten sind die amerikanische Sängerin Christine Whittlesey, und der schwedi¬sche Sänger Christer Bladin) ist ein Werk mit opernhaften Zügen. Diese führen allerdings nicht durch die vertrauten Höhen und Tiefen des musikalischen Dramas, sondern durch das horizontale wie vertikale Labyrinth erzählerischer Fragmente und weitererzählender, orchestraler Kommentare. Die zweite Komposition, Tänze aus Frankfurt, aus dem Jahr 1980 gleicht eher einem Hörfilm. Riehm, ein eigenwilliger, politisch engagierter Komponist, setzt eigene, persönliche Lebenssituationen mit den historischen politischen Auseinandersetzungen und Verhältnissen in der Stadt in Beziehung, verwandelt Erinnerungen, aktuelle Themen, Träume und Bedrohungen in Musik.

Der Frankfurter Komponist Rolf Riehm lehrte von 1974 bis 2000 an der Musikhochschule Frankfurt. In den siebziger Jahren war er Mitglied des legendären „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“ Frankfurt. Konzertreisen, Vorträge und Workshops führten ihn unter anderem nach Mittel- bzw. Südamerika und Japan. Lothar Zagrosek ist ein gefragter Dirigent in bedeutenden europäischen Opernhäusern, bei großen Festivals und in den wichtigen Konzerthäusern des In- und Auslands. Seit 1997 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart.


Titelliste

Das Schweigen der Sirenen
fĂĽr Sopran, Tenor, groĂźes Orchester und elektronische Zuspielungen

Tänze aus Frankfurt
fĂĽr Orchester in vier Gruppen


Das Schweigen der Sirenen nach der Erzählung von Franz Kafka, ein Stoff, der Rolf Riehm einige Jahre hindurch bis zur gleichnamigen Oper beschäftigte, hat bereits opernhafte Züge. Diese führen allerdings nicht durch die vertrauten Höhen und Tiefen des musikalischen Dramas, sondern durch das horizontale wie vertikale Labyrinth erzählerischer Fragmente und weitererzählender, orchestraler Kommentare. So geraten weit voneinander entfernte, heterogene Klangelemente, nur noch geschieden von dünnen Wänden und Decken, in ungeahnte Konsonanzen und Korrespondenzen, deren Bedeutung sich – wie das ganze Unterfangen – in der künstlerischen Grammatik erschließt: in den unübersetzbaren Regeln, Ausnahmen, rätselhaften Ausfällen, dem nicht Erklärbaren, den ästhetisch querschlagenden, sich dem Gedächtnis einprägenden, klingenden Ikonen.

Tänze aus Frankfurt, Riehms gewaltiger Entwurf, die eigene, persönliche Lebenssituation mit der allgemeinen, real existierenden politischen in Beziehung zu setzen, vertraut ebenso auf die künstlerische Verwandlung von privaten Erinnerungen, aktueller Thematik, Träumen und Bedrohungen in eine Musik, deren kräftige Impulse auch Hörende aus ganz anderen Lebenssphären berühren: ein Hörfilm, in dem sich Peripheres in grotesker Vergrößerung wiederfindet, nicht zusammengehörende Fakturen sich surreal überlagern, eine Komposition auch aus Energiefeldern und harten Schnitten, Gefäß von Glück und Verzweiflung über gesellschaftliche Zustände, die nicht mehr existieren. Ein starkes Stück.
Bernd Leukert


Biografisches

Rolf Riehm wurde 1937 in Saarbrücken geboren. Er studierte zunächst Schulmusik in Frankfurt am Main und ab 1958 Komposition bei Wolfgang Fortner in Freiburg. Danach Tätigkeit als Solo-Oboist (u.a. mit Ungebräuchliches bei den Internationalen Ferienkursen Darmstadt 1966). Riehm ist Mitbegründer der Frankfurter Vereinigung für Musik, die von 1964 bis 1970 existierte. Nach kurzem Schuldienst war er ab 1968 Dozent an der Rheinischen Musikschule Köln, wo er bis 1972 auch Mitglied der »Gruppe 8«, einem Zusammenschluss Kölner Komponisten, war.
1968 erhielt er die Auszeichnung »Premio Marzotto per la Musica« und ein Stipendium der Villa Massimo, das ihm einen Aufenthalt in Rom ermöglichte. Von 1974 bis 2000 war Rolf Riehm Professor für Komposition und Tonsatz an der Musikhochschule Frankfurt am Main. Von 1976 bis 1981 Mitglied des legendären »Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters« Frankfurt. Konzertreisen, Vorträge und Workshops führten ihn u.a. nach Mittel- bzw. Südamerika und Japan. 1992 erhielt er den Kunstpreis des Saarlandes.


Rezensionen

»Ein Werk von großer Eindringlichkeit«

Mit der Veröffentlichung von zwei Orchesterwerken von Rolf Riehm startet das vor einem Jahr gegründete Label hr-musik.de seine Reihe mit zeitgenössischer Musik (Untertitel: »/now«). Richtige Marktkracher sind nicht darunter, aber die sorgfältig ausgewählten und editierten Aufnahmen aus dem Archiv des Hessischen Rundfunks setzen im schwierigen Klassikmarkt Akzente, wie sie wohl nur einem öffentlich-rechtlichen Veranstalter zu Gebote stehen. Dazu passen diese Werke von Rolf Riehm, der zwar zu den Größen der Avantgarde gehört, aber nicht zu den Matadoren wie Boulez, Ligeti oder Wolfgang Rihm, mit deren Kompositionen sich auch schon einmal kommerzielle Labels auf den Markt wagen. »Das Schweigen der Sirenen« nach einem Text von Franz Kafka ist eine fast assoziative Komposition, um nicht zu sagen eine Stilübung Riehms auf dem Weg zu der gleichnamigen Oper - und gleichwohl ein Werk von großer Eindringlichkeit und Farbigkeit, sehr kompetent dargeboten vom Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt. Klug ausgewählt dazu die »Tänze aus Frankfurt«, laut Booklettext eine Art »Hörfilm«, in dem der Komponist in plastisch-fasslicher Tonsprache sowohl Privates wie auch Gesellschaftliches musikalisch sich anverwandelt.
Richard Lorber, stereoplay 6/2002

»Subversive Collagen«

Sicher gehört Rolf Riehm (geb. 1937) zu den wenigen Vertretern der Neuen Musik, denen es gelungen ist, ihr soziopolitisches Engagement mit einer kompromisslos avancierten Klangsprache zu verbinden. Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft spiegelt sich in Konglomeraten aus unterschiedlichsten Sujets und Klangsprachen, deren materielle Querstände, Irritationen und Brechungen nicht zuletzt die gesellschaftlichen Zustände desavouiren – auch im hehren inhaltlichen Bezugsrahmen der klassischen Mythologie.
So präsentiert sich »Das Schweigen der Sirenen« (1987) als labyrinthische Collage, die Motive aus der »Odyssee« im Rekurs auf Kafkas gleichnamige Erzählung und diverse andere Textquellen, jenseits konventioneller Koordinaten von Zeit und Raum, bruchstückhaft, fragmentarisch und polyperspektivisch vernetzt. Ein bedeutungsschwangeres, assoziatives Geflecht aus Gesang, Rezitation, massivem Instrumentalklang und Anspielungen (z.B. auf Filmmusik-Klischees). Aber auch ein diskursiver Jahrmarkt, vollgestopft mit Subtexten, dessen materielle Überfrachtung den unmittelbaren Zugang erschwert? Ihre besten Momente hat diese Musik jedenfalls immer dann, wenn sie »bei sich« sein darf und Riehm seine wirklich meisterhafte Beherrschung des großen Orchesterapparates ausspielen kann.
Dementsprechend furios trumpfen die »Tänze aus Frankfurt« (1980) auf, die auf Riehms Aktivitäten im »Linksradikalen Blasorchester« zurückgehen und das Vokabular aller erdenklichen Blasmusik-Idiome durcheinanderwürfeln, nicht minder collagenhaft und anspielungsträchtig, aber fern artifizieller Kopfgeburten.
Dirk Wieschollek, Fono Forum 08/2002

»Abenteuerliches Hörerlebnis«

Und genau dafür braucht man ein öffentlich-rechtliches Medium: Die CD mit den zwei Stücken »Das Schweigen der Sirenen« und »Tänze aus Frankfurt« des Komponisten Rolf Riehm hätte bei dem derzeitigen Zustand der Tonträgerindustrie in keinem kommerziellen Betrieb eine große Chance gehabt. Das liegt unter anderem daran, dass Riehm nicht zu den viel gespielten Komponisten des Landes zählt, was wiederum mit der phänomenalen Komplexität seiner Musik und ihrer völlig fehlenden Orientierung an ästhetischen Gruppenzugehörigkeiten zusammenhängt.
Das Frankfurter Radio-Sinfonie-Orchester, das schon 1981 die »Tänze aus Frankfurt« unter Cristóbal Halffter uraufgeführt hat, hat mit Lothar Zagrosek beide Werke eingespielt und beim sendereigenen Label zugänglich gemacht. Das Booklet stellt für die Reflexion des nach wie vor abenteuerlichen Hörerlebnisses prägnantes Material zusammen.
Das »Schweigen der Sirenen« folgt einer Erzählung Kafkas, ist eine selbst schon opernhafte Vorarbeit der gleichnamigen Oper und führt exemplarisch den konsequenten Eigensinn von Riehms gleichermaßen reflektierender wie sammelnder kompositorischer Arbeit vor.
Die Musik ist immer zugleich Material wie auch dessen Reflexion; ist Medium, in dem Wirklichkeitsfragmente scheinbar aleatorisch treiben, die andererseits selbst Teil dieser Musik und damit Gegenstand von überlegter konstruktiver Präzision sind. Es entsteht eine spröde Poesie, eine überbordende Materialfülle und skrupulöse Strenge der Anordnung und zudem ein enormer Klangreichtum.
Das gilt in gesteigertem Maße für das meta-sinfonische Groß-Werk »Tänze aus Frankfurt«, in deren Materialreichtum auch der an Eisler geschulte politische Verstand Riehms exemplarisch wird. Freunde des »Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters«, das Riehm seinerzeit mit Heiner Goebbels und Alfred Harth aus der Taufe gehoben hatte, werden im Zitatenschatz des Stückes auf alte Bekannte treffen und hören, dass trotz der Historizität gerade in dieser Komposition kein Takt von gestern ist.
Hans-JĂĽrgen Linke, Frankfurter Rundschau, 13.08.2002

»Labyrinth an Wohlklängen und Missklängen«

»Das Schweigen der Sirenen« ist eine Assoziation aus »Moderne Oper« und orchestralen Seitenhieben mit elektronischen Spielereien mit dem Text des gleichnamigen Werkes von Franz Kafka. Der Text beschreibt ein Abenteuer von Odysseus aus der griechischen Mythologie, wie er sich mit seinem Schiff den Sirenen näherte, um den Gesang der Sirenen zu entkommen, stopft er sich Wachs in die Ohren, aber die Sirenen schwiegen…
Die gesprochenen und gesungenen Texte interpretieren meisterhaft Christine Whittlesey als Sopran und Christer Bladin als Tenor, ungewohnt dynamisch und zugleich fast unhörbar singend/sprechend, sich nie einem klassischen Gesangsstill anpassend. Mit provokanten Klangmitteln wie elektronischen Zuspielungen und schrägen Klangstrukturen des Orchesters, als wäre es eine Ektomie der Klassik, wird ein Labyrinth an Wohlklängen und Missklängen erzeugt, aus dem ein Kunstwerk entsteht, in dem sich der eine oder andere Zuhörer sich doch ziemlich leicht verirren kann.
»Tänze aus Frankfurt« wurde bereits schon 1980 von Rolf Riehm komponiert, ein Orchesterwerk »neuer Musik« mit ungewohnten Klangstrukturen. Sehr viele Elemente werden hier vermischt, es ergibt sich keine längere harmonische Ebene, ständig wechselnde Tempi und verschiedene Melodien werden gleichzeitig miteinander vermischt. Ein Potpourri aus Blasorchester-Floskeln, Pianospiel, Ravel-, Bach- und Stravinsky Harmonien vereinigen sich als Komplott zur alten Klassik und verdrängen sie in die Präexistenz. Überaus durchweg formidable Leistung des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt.
Ein starkes Werk an Orchester- und Opermusik schuf hier Rolf Riehm, befremdlich für den »konservativen Klassikhörer«, aber die Illuminaten der »neuen Musik« werden schon ihre Freude haben.
Conny's Chicago Homepage, Conny's Plattenteller, 3. Quartal 2002

»Wilde Imaginationen«

Er würde »das Schmerzliche, das Erstaunliche, vor allem das Unerledigte in konfliktgeladenen Kunstgebilden aufheben«, schreibt Bernd Leukert im Booklet über Rolf Riehm. Eine triftige Umschreibung dessen, was dem Hörer in »Schweigen der Sirenen« (1987) für Sopran, Tenor, großes Orchester und elektronische Zuspielungen, aber auch in den »Tänzen aus Frankfurt« (1980) für Orchester in vier Gruppen entgegenschlägt – trotz aller Verschiedenheit der Gattungen und Sujets.
Was die 13-teilige, von Kafkas Sirenen-Erzählung hervorgerufene »dramatische Kantate« (eine Art Vorstudie zu Riehms gleichnamiger Kafka-Oper) und die siebensätzige Frankfurter Tanzsuite verbindet, ist das Prinzip der Collage. Die Art, wie einander überblendende Klangströme, Bewusstseinswellen und Erinnerungsspuren vorbeigleiten und sich wie Eisschollen ineinander und übereinander schieben, lässt an Charles Ives, Luciano Berio und vor allem an Bernd Alois Zimmermann denken.
Das Sirenenstück erzählt von Odysseus' Trick, sich die Ohren mit Wachs zuzustopfen und an den Mast zu binden, um die Meeresenge ohne Schiffbruch zu passieren. Bei Kafka bleibt die sinnliche Selbstabschottung des Odysseus nicht ohne Wirkung auf die Sirenen. Ihnen vergeht daraufhin nämlich die Verführungslust. Sie lassen das schaurige Haar offen im Winde wehen, um schweigend in den Anblick seines »großen Augenpaars« zu versinken.
In dieses erzählerische Kernstück mischt der Komponist allerlei Klangtrümmer und Textfragmente, darunter Strandgut aus »Hyperions Schicksalslied« von Hölderlin samt Liebesbekundungen von Rosa Luxemburg und der sterblich verliebten Romantikerin Karoline von Günderode. Gebannt folgt man dem Schlingerkurs des heillos zerrissenen Stücks, das vom Eröffnungsschrei über balladeske Episoden bis zum »wüsten Einschub« kurz vor Ende ein Wechselbad musikalischer Urzustände, ein Labyrinth heterogener Ein- und Ausfälle durchlebt – hin- und hergeschwemmt zwischen Klangkatarakt und Schweigenische.
Ein Hörfilm aus persönlichen Erinnerungs- und Wundmalen, durchgerüttelten Klangfundsachen und verwehten Tonspuren unterschiedlicher musiksozialer Herkunft und Stilhöhe läuft in den »Tänzen aus Frankfurt« ab, die natürlich nicht zum Tanzen sind. Lothar Zagrosek, das RSO Frankfurt, Christine Whittlesey (Sopran) und Christer Bladin (Tenor) beweisen sich als virtuose Partner und getreue Mittler der wilden Imaginationen, die den 1937 geborenen Komponisten und langjährigen Frankfurter Kompositionslehrer in der 80er Jahren heimsuchten.
Lutz Lesle, Das Orchester, 11/2002


Best.-Nr.: hrmn 007-01
15,- €
Booklet: 44 Seiten deutsch/english/français
Gesamtzeit: 68:25

Weitere Informationen: www.hr-musik.de.




Bild
 Venedig, Teatro La Fenice: La sala
© Michele Crosera



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