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 CD     
  Haydn, Joseph / Dmitrij Schostakowitsch 
Haydn: Sinfonie Nr. 90 / Schostakowitsch: 9. Sinfonie

Haydn und Schostakowitsch – ein ungleiches Paar. Humor, Witz und Ironie aber verbinden beide miteinander: Haydn im »klassischen« Gewand einer höfischen Festlichkeit, Schostakowitsch in seinem »klassizistischen« Protest gegenüber kulturpolitischen Erwartungshaltungen. Eine reizvolle wie spannende musikalische Kombination.


Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt
Hugh Wolff
| DIRIGENT


Joseph Haydn
Sinfonie Nr. 90 C-Dur (1788)
1. Adagio – Allegro assai
2. Andante
3. Menuet
4. Finale: Allegro assai

Dmitrij Schostakowitsch
9. Sinfonie Es-Dur op. 70 (1945)
1. Allegro
2. Moderato
3. Presto
4. Largo
5. Allegretto


Die Komponisten

Joseph Haydns Sinfonie Nr. 90 C-Dur gehört zu einer Gruppe von fünf Sinfonien, die zwischen den großen Blöcken der »Pariser« und der »Londoner Sinfonien« entstanden und als Einzelwerke – trotz großer musikalischer Qualitäten – bis heute wenig Beachtung finden. Sie waren ursprünglich ebenfalls für Paris gedacht, wo man nach der Aufführung der »Pariser Sinfonien« nach neuen Werken verlangte, wurde aber letztlich an den großen Haydn-Verehrer Krafft-Ernst Fürst Oettingen-Wallerstein nach Süddeutschland vergeben. Kompositorisch zeigt sich in diesen Sinfonien die Tendenz einer stilistischen Abklärung – ohne allerdings Haydns Erfindungslust und seinen Spieltrieb einzuengen. Im Gegenteil: Reife und Witz fließen hier zusammen, und man möchte meinen, dass beide Qualitäten sich in der Sinfonie Nr. 90 einander geradezu bedingen. Um die eigentümliche Ambivalenz zu beschreiben, sind allerdings noch weitere, auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Begriffspaare von Bedeutung, wie Eleganz und Strenge, Leidenschaftlichkeit und Gelöstheit, Improvisation und Konstruktivität – Eigenschaften, die in ihrer kompositorischen Verbindung den Charakter des »Klassischen« noch verstärken.

War Haydns Sinfonie Nr. 90 eine musikalische Reaktion auf seinen großen Erfolg in Paris, so dokumentiert Dmitrij Schostakowitschs 9. Sinfonie, entstanden im Jahr des Kriegsendes 1945, den inneren Protest des sowjetischen Komponisten gegenüber den Erwartungshaltungen einer doktrinären Kulturpolitik. Ähnlich wie bei der heftig kritisierten 6. Sinfonie, hatte Schostakowitsch auch bei seiner »Neunten« falsche Erwartungen geweckt. In einem Interview des Jahres 1944 sprach er von einer »Sinfonie für Soli, Chor und Orchester«, von »einer Sinfonie des Sieges mit einem Loblied«. Was er seinen Zeitgenossen dann bot, war indes keine monumentale »Siegessinfonie « auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern gewissermaßen eine »Anti-Neunte«, deren dezidiert unheroische Haltung als Affront empfunden wurde. Eine pathetische Apotheose zur Feier des Sieges wäre gerade von einer »Neunten Sinfonie« erwartet worden, Schostakowitsch legte jedoch eine schlanke »Symphonie classique« vor, hintersinnig humorvoll und kammermusikalisch transparent.
Andreas Maul


Haydn ĂĽber sein Werk

Ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen, ich war von der Welt abgesondert. Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so musste ich original werden.
Joseph Haydn


Schostakowitsch ĂĽber sein Werk

Stalin hörte sich immer genau an, was Experten und Spezialisten einer bestimmten Branche zu berichten wussten. Und in diesem Fall versicherten ihm die Experten, ich verstünde meine Sache. Daraus schloss Stalin, die Sinfonie zu seinen Ehren werde von höchster Qualität sein. Man werde stolz sagen können: Hier ist sie, unsere vaterländische 9. Sinfonie. Ich muss bekennen: Ich gab dem Führer und Lehrer Anlass zu solchen Träumen, denn ich kündigte an, eine Apotheose schreiben zu wollen. Ich versuchte zu lügen, und das wandte sich gegen mich.
Dmitrij Schostakowitsch


Rezensionen

»Auf den Punkt gebracht«

Hugh Wolff ist nicht einfach nur ein Schalk, musikalisch gesehen. Nein, der Dirigent mit – kürzlich erst bis 2006 verlängertem – Chefvertrag beim Orchester des Hessischen Rundfunks ist eine Kapazität auf dem Gebiet des klassischen Humors. Er beherrscht alle Kategorien, von der feinen Ironie über den hüpfenden Witz und das schelmische Schielen bis hin zum zotigen Sarkasmus. Zwei Komponisten liegen dem immer jung wirkenden Amerikaner da naturgemäß besonders: Joseph Haydn und Dmitrij Schostakowitsch, und beide hat er auf der jüngsten CD-Veröffentlichung des hr nebeneinander gestellt. Von Schostakowitsch musizieren Wolff und sein Radio-Sinfonie-Orchester hier die neunte Sinfonie (Es-Dur), von Haydn die zehn mal sovielte (C-Dur). Beide Sinfonien dauern jeweils knapp eine halbe Stunde, was im Falle von Schostakowitsch alleine schon ein Witz ist. Von einer Neunten verlangt die Musikgeschichte nach Beethoven, Mahler und Bruckner eigentlich etwas mehr Blut, Schweiß und Tränen. Schostakowitsch aber machte daraus ein Kammerspiel, und Hugh Wolff dirigiert es wie eine grinsende Groteske. Er bringt's auf den Punkt, man sieht die gespitzten Finger und den Bubenblick geradezu vor sich. Für sein Frankfurter Konzertpublikum hat RSO-Chef Wolff die Sinfonien Dmitrij Schostakowitschs erst vor kurzem entdeckt, beim Rheingau Musik Festival etwa startete er im vergangenen Jahr einen Zyklus mit allen fünfzehn. Haydn dagegen war von seinen ersten Konzerttagen hier in der Stadt 1997 mit im Programm, und zwar in vorderster Front. Bald schon ließ Wolff die Blechbläser seines Orchesters für Haydn-Sinfonien am liebsten zum ventillosen Naturinstrument greifen, was kein bloßes Zugeständnis an den wachsenden Geschmacksmarkt der historischen Aufführungspraxis ist, sondern einfach herrlich frisch schmettert. So auch hier, bei dieser bestens gelungenen Hausproduktion. Kein Witz!
ick, Frankfurter Rundschau, 6.1.2003

»Ausgezeichnet«

Unter dem Motto »Höfische Festlichkeit – klassischer Protest« steht diese Einspielung von Haydns Sinfonie Nr. 90 und Schostakowitschs Neunter. Humor, Witz und Ironie verbinden beide Komponisten eng miteinander. Hugh Wolff und das RSO Frankfurt musizieren einen äußerst spritzigen, musikantischen und historisch artikulierten Haydn. In der Interpretation Schostakowitschs Neunter jedoch könnten viele Akzente noch schärfer, die Karikatur, das Fratzenhafte noch aggressiver hervorgehoben werden. Abgesehen davon ist das Orchester ausgezeichnet.
Oliver Ford, Stereo, 2/03

»Klassizistisch geschönt«

Fast nahtlos vollzieht Hugh Wolff auf dieser CD mit seinem exzellenten Frankfurter Radio-Sinfonie-Orchester den Übergang vom Finale in Haydns 90. Sinfonie zum ersten Satz aus Schostakowitschs 9. Sinfonie. Doch der fließende Wechsel täuscht: die so nahe gebrachten Komponisten, der frisch und mit Impetus dirigierte Haydn und der klassizistisch geschönte Schostakowitsch bleiben in ihrem Humor sehr weit voneinander entfernt. Haydns unbeschwerter Witz kann allenfalls mit dem Humor Schostakowitschs im ersten Satz konkurrieren, aber dieser Humor wird bereits im Moderato in Frage gestellt, lebt dann im Presto wieder auf, um in dem vor dem Finale eingeschobenen Largo mit viel ernst gemeinter Trauer aber auch mit einer Portion Galgenhumor (Anspielung auf Macphersons »Gang zur Hinrichtung« wieder gebrochen zu werden.
RĂ©F, Pizzicato, 2/03

»Ohne Zuflucht zu plakativen Gesten«
Haydn und Schostakowitsch werden … als Meister des »musikalischen Humors« zusammengezwungen. Man kann darüber streiten, ob das ein sinnvoller Ansatz ist. Jedenfalls trifft Hugh Wolff Schostakowitschs beißende Ironie genau, ohne Zuflucht zu plakativen Gesten nehmen zu müssen. Dabei bleibt sein Zugriff »klassizistisch« und völlig unpathetisch, selbst im etwas zu breit genommenen 2. Satz. Auch sein Haydn ist mitreißend auf den Punkt gebracht, klar akzentuiert, ohne Altersflecken…
Andreas Friesenhagen, Fono Forum, 4/03
FONO FORUM-Auszeichnung: Stern des Monats


»Haydns Geist reicht weit«

Hugh Wolff, in Paris geborener Musiker amerikanischer Abstammung, ist seit sechs Jahren Chefdirigent des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt. Er hat in diese Position; die in der langjährigen Amtszeit von Eliahu Inbal vorwiegend von großformatigen Sinfonien Bruckners und Mahlers geprägt war, seine reiche Erfahrung als Leiter des Saint-Paul Chamber Orchestra, dem er seit 1992 vorstand, eingebracht. Gewiss nicht zum Schaden seiner Frankfurter Arbeit, wie zwei Veröffentlichungen zeigen, die neben vier Haydn-Sinfonien eine Neueinspielung der 9. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch bieten. Diese Gegenüberstellung des Klassikers mit dem sowjetischen Vorzeigekomponisten ist sinnvoll, wurde des letzteren Neunte doch zum Ärger der sowjetischen Kulturbonzen und Stalins persönlich (weil man 1945 eine monumentale Siegessinfonie mit Huldigungschören erwartet hatte) ganz aus dem Geiste Haydns konzipiert – wenn auch mit einem guten Schuss Ironie und Groteske gewürzt. Wolff bietet in Haydns Sinfonien Nr. 90, 92, 96 und 97 – sämtlich Werken der Reifezeit – Wiedergaben, die zum Besten gehören, was der Phonomarkt auf diesem Gebiet in letzter Zeit zu bieten hatte. Er lässt selbstverständlich mit modernem Instrumentarium musizieren, setzt allerdings bei Haydn im Falle der Hörner und Trompeten Kopien von alten ventillosen Instrumenten ein. Die Flöten sind aus Holz, auch die Pauken wurden nachgebaut. Bezüglich der Phrasierung und Artikulation macht sich Wolff die Erkenntnisse der »Historisten« zunutze. Das alles würde wenig helfen, stünden diese äußeren Voraussetzungen nicht im Dienste einer geradezu hinreißenden Frische und orchestralen Perfektion des Musizieren. Die Laune, mit der hier an Haydn herangegangen wird, springt geradezu aus den Lautsprechern… Ähnlicher Elan durchpulst die Darstellung der Schostakowitsch-Sinfonie. Die klassizistischen Züge des Stücks werden in ihrer ironischen Brechung durchschaut und entsprechend ausgespielt, die »Frechheiten« etwa in Gestalt des »banalen« Flöten-Seitenthemas im Kopfsatz oder der Zirkus-Trompete im Scherzo machen sich bei aller lustvollen Präsentation nicht selbständig, sondern sind dem musikalischen Fluss natürlich integriert. Der zweite Satz dringt in expressiv-lyrische Regionen vor, die zu dem Übrigen denkbar krass kontrastieren, ohne dass der große sinfonische Bogen brüchig würde. Die orchestrale Virtuosität, mit der Wolff die Final-Galoppade zum Äußersten aufdreht, spottet ohnehin aller klassizistischen Reglementierung. Eine Schostakowitsch-Sinfonie, mit der sich der Komponist gefährlichen Arger auflud, die aber in dieser Frankfurter Wiedergabe Freude und Bewunderung auslöst.
Alfred Beaujean, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.5.2003


hr-musik
Best.-Nr.: hrmk 011-02
15,- €
Booklet: 24 Seiten deutsch/english/français
Gesamtdauer: 53:06

Weitere Informationen: www-hr-musik.de.




Bild
 Berlin, Kammermusiksaal
© Thomas Bruns / Berliner Philharmoniker



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