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  Mozart, Wolfgang Amadeus 
Die Zauberflöte

Wiener Philharmoniker
Ricardo Muti
, Dirigent
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor


Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Die Zauberflöte, KV 620


Solisten
Ekaterina Gubanova, Karine Deshayes, Inga Kalna, Diana Damrau, Genia KĂŒhmeier, Irena Bespalovaite (Sopran)
Paul Groves, Burkhard Ulrich (Tenor)
Christian Gerhaher (Bariton)
RenĂ© Pape (Baß)
Franz Grundheber (SĂ€nger)
Michael Autenrieth, Xavier Mas, Franz Grundheber, Peter Loehle, Simon O'Neill (Sprechstimme)


Ein opernhafter Garten Eden

Die mĂ€rchenhafte Handlung der Zauberflöte ist derart unbekĂŒmmert und einfach,dass, seit gewöhnliche Menschen sich zum ersten Mal ihrer erfreuten, schlaue Kommentatoren bemĂŒht waren, die TiefgrĂŒndigkeit der Oper zu erkunden. Im Grunde schufen Mozart und Schikaneder (der Besitzer des Theaters, der Librettist und der erste Papageno) eine Oper voller Abenteuer und Mysterien, erfĂŒllt von einer sublimen und unkompliziert genialen Musik. Zwei junge MĂ€nner entdecken ihre verschiedenen Bestimmungen und gehen aus ihren alles andere als schrecklichen PrĂŒfungen mit der jeweils vollkommenen Braut hervor. Das könnte ein Film von Steven Spielberg sein. Und auch wenn »es in Wirklichkeit kein Zauberkraft gibt«, erfĂŒllt sie im Theater wie im Film genau die gleiche Aufgabe. sie fĂŒhrt uns durch knifflige Situationen und spiegelt die Kraft der menschlichen Erfindung und Phantasie.
Pierre Audis Amsterdamer AuffĂŒhrung, die im Juli 2006 in Salzburg zu sehen war, ist wie eine gehobene Weihnachtspantomime gestaltet. Die BĂŒhnenausstattung des hollĂ€ndischen KĂŒnstlers Karel Appel ist eine Mischung aus afrikanischem Stammeszauber und Kinderspielwarenladen. Gleich am Anfang bedrohen zwei ungeheure Schlangen unseren Helden, den Prinzen Tamino. SpĂ€ter begegnen wir sonderbaren Tieren auf rollenden UntersĂ€tzen und dem Auto eines Zirkusclowns, mit dem Papageno fĂ€hrt. Die KostĂŒme verweisen auf phantastische MĂ€rchen - und sind natĂŒrlich besonders verschwenderisch und prunkvoll fĂŒr die Königin der Nacht. Ganz oben im BĂŒhnenraum schlagen Akrobaten auf Drahtseilen PurzelbĂ€ume in den Himmel - und erinnern daran, dass Papageno ein VogelfĂ€nger ist, der Vögel fĂŒr die Königin einfĂ€ngt. GrĂ¶ĂŸere Skulpturen könnten afrikanische Götter darstellen. Überall gibt es Dschungelblumen. Es dominiert der Eindruck eines aufgeschlagenen illustrierten MĂ€rchenbuchs fĂŒr Kinder.
Die Welt der Zauberflöte ist nicht gerade eine Alltagswelt. sie ist oft kindlich und vermischt mit ZirkusĂŒberraschungen. Der berĂŒhmte alte (inzwischen verstorbene) KĂŒnstler Karel Appeal, der fĂŒr Audi die BĂŒhnenausstattung besorgte, gebrauchte seine persönliche Handschrift, um primitive Gesetzte mit ihren Wurzeln anzudeuten, die Jahrtausende zurĂŒck in der Vergangenheit liegen. Die Oper reflektiert auch die rationale und philosophische AufklĂ€rung im 18. Jahrhundert in Europa, die Mozarts Genie nĂ€hrte und ihm die makellose Muttersprache bot, in der er seinen Traum von einer besseren Zukunft ausrĂŒcken konnte. Audis »Zauberflöte« deutet einen opernhaften Garten Eden an, der das Publikum einlĂ€dt, von den FrĂŒchten des Baumes der Erkenntnis zu kosten, allerdings risikolos, denn die Schlange wird schon in der Anfangsszene erschlagen.
Mozart war ein Theatergenie. Seine Oper wimmelt von bemerkenswerten Figuren, die klar umrissen und von umwerfender Frische sind. Wie Shakespeare konnte er ein menschliches Wesen in nur wenigen Strichen zeichnen. Und die Melodien, die sie singen, lassen ihre verborgensten Geheimnisse unmittelbar hervortreten. Selbst Personengruppen wie die drei Knaben. die wie durch Zauberkraft auftreten, um unseren Jungs aus der Klemme zu helfen, oder die drei Damen, die Tamino am Beginn der Oper retten, sind wunderbar differenziert.
Doch Mozart lĂ€ĂŸt uns auch bestĂ€ndig ĂŒber die wahre Motivation wichtiger Figuren rĂ€tseln. Ist die Königin der Nacht ein Frau und Mutter aus der Hölle oder eine fehlgeleitete Frau, der eine notwendige Lektion erteilt wird? Ist Sarasto, der philosophische Oberpriester, der diese Welt in einer fast schon demokratischen Weise zu fĂŒhren scheint, eine Kraft des Guten oder des Bösen? Bewundert Mozart Taminos augenblickliche Einhaltung der Regeln fĂŒr die Initiationsriten? Oder denkt er, dass Papageno recht hat und dass diese Regeln ziemlich dumm sind? Papageno ist die Figur, die wir lieben, der Mann, der den meisten von uns gleicht. Tamino hat etwas von einem Tugendbold, der Typ, der immer Offizier wird. Mozart lĂ€ĂŸt ihn netter erscheinen, weil er seine tiefen GefĂŒhle fĂŒr Pamina offen legt wie auch ihr verzweifeltes GefĂŒhl des Verlassenseins und ihre Verletzlichkeit, als sie meint, Tamino wĂ€re nicht lĂ€nger an ihr interessiert. Alle »noblen« Figuren Mozarts erhalten hier ernsthafte Melodien, die andeuten, dass sie genau die Art von Menschen sind, die man in einer Krise braucht. Die Königin der Nacht befindet sich, wie sehr auch immer ihre stratosphĂ€rischen Koloraturen uns begeistern mögen, in aufgewĂŒhlter Hysterie und wird nahezu sicher das Falsche tun. Die Suche, zu der sich Tamino mit einem bestraften Papageno aufmacht, nachdem ihm die drei Damen Paminas Bildnis gezeigt haben, erweist sich als vollkommen anders, als sie ursprĂŒnglich beschrieben wurde. Doch in Abenteuern und im Leben weiß man nie, was man zu erwarten hat, bevor man das Kleingedruckte gelesen hat.

Tom Sutcliffe
(Übersetzung: Christiane Frobenius)



2006 Decca
DVD Video (9) 004400743159

Weitere Informationen: www.klassikakzente.de.




Bild
 Magdebug, Theater
© HL Böhme



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